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Geduld
Kaum ist er aufgewacht, sind auch die Schmerzen wieder da. Der ekelhafte Druck im Nacken, das fiese Stechen in der Schulter.
Und der Rücken protestiert, wenn er sich bücken will. So geht das nun schon seit Wochen. Sie müssen Geduld haben, hat der Arzt gesagt. Da kann man nicht viel machen. Das sind Verschleißerscheinungen. Sie sind ja nun auch nicht mehr der Jüngste! Na, aber alt ist er doch noch lange nicht und dass man nichts machen kann, will ihm nicht in den Kopf. Auf der Stelle hat er angefangen, gesünder zu leben. Jetzt isst er täglich seinen Apfel, macht seine Entspannungsübungen. Und liest in der Fernsehzeitschrift alle Gesundheitsanzeigen. Ob er das Kraut von Dr. X nicht doch mal ausprobieren sollte?
Oder muss er wirklich Geduld haben? Aushalten, dass es weh tut und dass er nicht viel machen kann? Geduld er kaut an dem Wort herum wie an einem sehnigen Brocken. Geduld hat er noch nie gehabt. In den letzten Jahren schon gar nicht. Selbst das Abtrocknen nach der Dusche dauert ihm immer zu lange. Kaffee trinkt er seit es die Shops gibt überhaupt nur noch im Gehen. Und wenn etwas kaputt war der Fernseher oder der Computer dann hat er den Tag- und Nachtdienst angerufen.
Aber nun hat er selber Verschleißerscheinungen und sie lassen sich nicht auf die Schnelle reparieren. Er muss ausharren. Das fühlt sich seltsam an. Er ist es einfach nicht gewohnt. Es quält ihn, dass der Schmerz ihn einschränkt und er einfach nicht so fit ist, wie er sein möchte. Unaufhörlich nagt es an ihm, dass er nicht ganz in Ordnung ist. Und wieder geht er zu seinem Arzt und schimpft: Geduld haben müssen das ist ja die Hölle! Wie wärs denn, fragt der Arzt, wenn Sie sich das einfach mal erlauben: eingeschränkt zu sein? Vielleicht ist das ein Weg aus der Hölle wenn Sie sich nicht dagegen wehren, wie es jetzt gerade ist. Wenn Sie es einfach akzeptieren, dass es Ihnen jetzt nicht so gut geht. Sie haben Nerven! sagt er wie kann ich das denn akzeptieren? Na ja, das wäre Geduld, meint der Arzt.
Auf dem Heimweg versucht er es. Tatsächlich, es ist was dran an dem, was der Arzt gesagt hat. Es geht ihm leichter, wenn er sich gegen die muckende Schulter nicht wehrt. Er fühlt sich besser, wenn er es sich nicht übel nimmt, dass er nicht fit ist.
Und nun übt er es so schlecht er das auch kann zu dulden. Nicht nur den Schmerz in der Schulter, sondern überhaupt: Dinge, die ihm in die Quere kommen, zu akzeptieren. Als ihm im Schuhschrank ein Regal entgegenpoltert, greift er nicht gleich zum Sekundenkleber. Er nimmts gelassen. Die alte Frau im Lebensmittelladen, die so langsam bezahlt, guckt er freundlich an. Wer weiß, was der alles weh tut, denkt er. Und er schafft es sogar, nicht an die Decke zu gehen, als seine Tochter das Studium schmeißt.
Es kommt immer noch vor, dass er sich ungeduldig den Nacken reibt. Aber er weiß jetzt, dass er es wirklich lernen will, Geduld zu haben. Weil es ihn gelassener macht, barmherziger und liebevoller. Er ist ja wirklich nicht mehr der Jüngste da wird er diese Eigenschaften wohl noch brauchen.
Wir wissen aber, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber bringt Tragekraft, Tragekraft aber bringt Hoffnung, heißt es in der Bibel beim Apostel Paulus. Hoffnung, das ist das Vertrauen auf den größeren Zusammenhang, das Heil, das ich nicht machen kann. Auch darum ist es gut, Geduld zu lernen, Tragekraft.
Geduld
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