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Dienen
Ruth hat sich auf ihren freien Tag gefreut: Ausschlafen, spazieren gehen, Zeitung lesen in einem Café und am helllichten Tage in der Badewanne liegen
so stellt sie sich den Tag vor. Aber dann klingelt schon um neun das Telefon: Die Tante meldet sich. Eine sehr schlechte Nacht habe sie gehabt, Atemnot und jetzt finde sie ihre Medizin nicht. Ob die Nichte nicht mal schnell zur Apotheke fahren könne? Und überhaupt ihr ist so elend, sie ist so allein. Es wird nichts mit dem gemütlichen Morgen. Schweren Herzens macht sich Ruth auf die Beine, erst zur Apotheke, dann zur Tante.
Die ist inzwischen schon wieder ganz munter. Sie hat ihre Medizin doch noch gefunden. Kritisch mustert sie die Nichte: Was ist denn das für eine Hose, die du da anhast! Die kleidet dich aber nicht. Als ich so alt war wie du, war ich immer fesch. Ja, ich hatte viele Verehrer! Und du hast du eigentlich schon jemanden kennen gelernt? Es wird ein anstrengendes Gespräch. Die Tante missbilligt den Lebensstil ihrer Nichte: Ihr jungen Leute seid alle so egoistisch! Der Tee, den Ruth aufgießt, ist zu stark. Und der Lappen, mit dem sie den Wasserfleck aufwischen will, ist der falsche. Endlich gegen Mittag darf sie sich verabschieden.
Auf dem Heimweg ist sie wütend. Ihr freier Tag so verdorben! Völlig unnütz dieser Besuch die Tante ist ja doch mit allem unzufrieden, sie hat sich nicht einmal bedankt. Es war die reine Zeitverschwendung für nichts und wieder nichts.
An Ruths Stelle ginge es mir ähnlich. Es macht keinen Spaß, für einen andern Menschen da zu sein, wenn überhaupt nichts zurückkommt an Dank oder Anerkennung. Aber nicht jede unerfreuliche Erfahrung ist schlecht. Im Gegenteil:
Ruth hat an ihrem freien Tag eigentlich eine wichtige Erfahrung gemacht. Sie ist herausgefordert worden, etwas zu tun, wovon sie selbst überhaupt nichts hatte. Und damit ist sie der Spiritualität viel näher gekommen als wenn sie voller Wohlgefühl ihre Meditationsmusik aufgelegt hätte. Denn so ist es uns verheißen: den Geist Gottes erfahren wir da, wo unser eigener Nutzen aufhört.
Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene, sagt Jesus im Matthäusevangelium. Er fragt nicht danach, was ihm nützt. Er geht den Weg, der den anderen nützt. So lässt er es schließlich auch geschehen, dass sie ihn als Sündenbock benutzen. Dienen das ist der Weg, den Gott wählt, um zur Welt zu kommen. Wir finden ihn da, wo wir es ihm gleich tun.
Der große Theologe Karl Rahner hat versucht, einmal durchzubuchstabieren, was Dienen im Sinne Jesu sein könnte. Er stellt harte Fragen: Hast du schon einmal geschwiegen, obwohl du ungerecht behandelt wurdest? Hast du schon einmal verziehen, obwohl du keinen Lohn dafür bekamst? Hast du schon mal etwas dran gegeben, ohne Dank, ohne Anerkennung, selbst ohne das Gefühl einer inneren Befriedigung? Hast du schon einmal versucht zu lieben, wo kein Gefühl dich trägt?
Karl Rahner rät uns, solche Erfahrungen zu suchen weil es die wirklich spirituellen Erfahrungen sind. Sie führen zu Gott, den man nur finden kann, wenn man sich selbst vergisst. Nutzlos war Ruths Besuch bei der Tante ja nicht. Wir dürfen annehmen, dass sie wirklich elend war und erst munter geworden ist bei der Aussicht, dass ihre Nichte kommen würde. Ruth wünscht sich, dass es ihr eines Tages gelingt, der Tante ihre Zeit zu schenken, ohne sich hinterher zu ärgern. So frei möchte sie werden.
Dienen
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