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Gnade
Pfifferlinge! denkt der Mann im Restaurant, die habe ich jetzt auch schon über. Resigniert schiebt er den Teller weg, der noch lange nicht leer gegessen ist.
Er zahlt und trottet zum Bahnhof, dem nächsten Termin entgegen. Business Lunch, denkt er verdrossen, es schmeckt auf die Dauer auch nicht besser als Kantinenessen. In der Bahnhofsbuchhandlung will sich noch eine Zeitung kaufen. Da entdeckt er einen ganzen Tisch voller Bücher über die Wege zum Glück. Das Thema interessiert ihn. Er kauft sich einen Glücks-Ratgeber.
Während er im Zug sitzt und in seinem neu erworbenen Buch blättert, wird in der kleinen Küche von Herrn K. gerade ein Glückstag gefeiert. Pfifferlinge brutzeln in der Pfanne, von Frau M. bewacht. Herr K. hat sie heute zum Mittagessen eingeladen und auch zum Kochen. Denn er weiß ja gar nicht so genau, wie man Pfifferlinge macht. Er hat noch nie welche gekauft. Er kann sich das gar nicht leisten mit seinen Hartz IV-Einkünften. Aber heute hat er ein Pfund Pfifferlinge geschenkt bekommen. Die Frau in der Kirche hat sie ihm gegeben. Dort steht er mittwochs immer an, wenn die Tafel Obst und Gemüse ausgibt. Er hat noch nie Sonderwünsche geäußert eine Gurke, ein paar Kartoffeln, einige Bananen, mehr braucht er nicht. Er kann ja sowieso nicht kochen. Aber heute hat ihm die Frau an der Ausgabestelle die Pfifferlinge in die Hand gedrückt und einen Bund Petersilie dazu. Das kriegen Sie schon hin, Herr K., hat die Frau gesagt, das ist ganz einfach. Und mit Hilfe seiner alten Kneipenfreundin Frau M. kriegt Herr K. das Festmahl tatsächlich hin. Fürstlich tafeln die beiden am wackligen Küchentisch. Zur ungewohnten Delikatesse knallen die vertrauten Bierkorken. Und es wird angestoßen auf den lieben Gott, der das Leben zuweilen so schön sein lässt.
Manchmal haben es arme Leute mit dem Glück leichter als diejenigen, die sich alles kaufen können. Nicht nur, weil sie gegen Genüsse weniger abgestumpft sind. Sondern vor allem, weil sie sich über Geschenke richtig freuen können. Gibt es ein größeres Glück als die Erfahrung, beschenkt zu werden mit etwas, das man sich selbst nie beschaffen könnte, das man nicht verdient und nicht erwartet hat? Dieses Glück, für das man gar nichts tun kann, nennt die Bibel Gnade. Diejenigen erfahren sie, die bedürftig genug sind, sich beschenken zu lassen. Manchmal reichen Pfifferlinge.
Aber die Gnade, die Gott schenkt, zielt natürlich auf Größeres. Auf eine noch tiefere und dauerhafte Freude. Die anzunehmen, verlangt allerdings, auf manchen Stolz zu verzichten. Denn eben das will Gott uns ja schenken: die Freiheit von dem inneren Zwang, der mir sagt, dass ich mich im Leben beweisen muss. Das ist ein großes Glücksgeschenk für diejenigen, die wissen, dass sie es im Leben nicht weit gebracht, genau genommen sogar versagt haben. Aber die andern, die ihr Soll erfüllt und einiges vorzuweisen haben wozu brauchen die Gnade?
Ich vermute, die meisten von uns trauen der Gnade nicht über den Weg. Sonst gäbe es ja diese ganzen Glücksratgeber nicht. Von klein auf lernen wir schließlich, dass alles im Leben verdient und bezahlt werden muss. Dass man etwas aus sich machen muss, um zu Anerkennung und Wohlstand zu kommen. Allein aus Gnade kann kein Mensch existieren. Im Gegenteil, der Wettbewerb ist gnadenlos. Und so ist jeder froh über die Stärken, die er vorzeigen kann, die Kämpfe, die er gewonnen hat. Ich will nichts geschenkt haben, sagen die Erfolgreichen, ich will nichts nötig haben.
Aber glücklich kann man sich nicht selber machen. Um glücklich zu werden, braucht man die Fähigkeit, sich beschenken zu lassen. Man muss sie doch nötig haben die Großmut der anderen. Und Gottes Großmut. Dieses Nötighaben nennt die Bibel Demut. Ich weiß nicht, ob in den Glücks-Ratgebern in der Bahnhofsbuchhandlung von Demut die Rede ist.
Gnade
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