Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.11.08, Pfarrerin Angelika Obert

"Fadis Umkehr"

Der kleine Fadi ist es gewohnt, den Ton anzugeben. Schließlich ist er der Älteste im engen Kinderzimmer, der Chef einer von Jahr zu Jahr größer werdenden Geschwisterschar.

Darum fürchtet er sich auch nicht vor der Schule, obwohl er ja nun der erste ist, der sich in dieser fremden Welt behaupten muss. Seine Eltern kennen sich da nicht aus. Sie sind in Palästina zur Schule gegangen. Fadi hätte sich vielleicht doch besser fürchten sollen. Nicht nur, weil es ihm schwer fällt, dem deutschen Unterricht zu folgen. Sondern vor allem, weil auf dem Schulhof harte Sitten herrschen. Und da liegt die Macht bei den türkischen Jungen. Die zeigen dem kleinen Palästinenser mit der großen Klappe schnell,  dass er hier nichts zu melden hat. Da sind sie gar nicht zimperlich.

Fadi, gerade sieben Jahre alt, fühlt sich wie im Krieg. Mit wem soll er darüber reden? Für die Lehrerin ist er doch auch nur einer von den Ausländern. Und zu Hause der große Bruder. Ein großer Bruder hat doch keine Probleme. Fadi findet Kumpels, andere arabische Jungen, mit denen zusammen kann er sich behaupten. Allmählich wird eine Gang daraus – die Araber Boys. Sie halten zusammen gegen den Rest der Welt. Dazu gehören nicht nur die Schlägereien, sondern auch die Überfälle, das Klauen. Bald haben sie alle Naslang mit der Polizei zu tun, das gehört dazu. Macht nichts, richtige Strafen gibt es ja nie, höchstens ein paar Tage Arrest für die Großen. Die geben damit sogar an. Doch als Fadi seinen ersten Arrest bekommt, ist ihm nicht zum Angeben zumute.

Zu Hause haben sie ja immer noch keine Ahnung, dass er schon lange kein guter Junge mehr ist. Der große Bruder im Knast – wenn die Familie das erfährt, das wäre furchtbar. Fadi will auch gar nicht als Verbrecher enden. Das Wochenende hinter Gittern gibt ihm den Kick. Er ist ja kein Kind mehr, er blickt durch, er braucht die Gang nicht mehr. Er schafft es sich zu lösen, macht die Schule fertig und eine Lehre. Und weil er ja schon immer ein großer Bruder gewesen ist, fühlt er sich jetzt auch verantwortlich für all die andern arabischen Kinder, die wie er mit dem Eintritt in eine deutsche Hauptschule ins Schleudern geraten.

Er wird Streetworker in Berlin-Neukölln, ein unentbehrlicher Ratgeber für Schulen und Familien, eine Vertrauensperson für die Jugendlichen. Schließlich gehört er sogar zu einer Delegation, die  Angela Merkel in Integrationsfragen beraten darf. Auch ein Verlag wird auf Fadis schöne Geschichte aufmerksam – er soll ein Buch schreiben. Das findet Fadi komisch, wo er doch selber gar nicht liest. Aber das Buch ist jetzt erschienen. Es heißt „Der große Bruder von Neukölln“ und es erzählt nicht nur von Fadis wunderbarer Umkehr, sondern auch von der Einsamkeit des kleinen Jungen im Chaos der Hauptschule. An den Anfang  seines Buchs hat Fadi ein Motto gestellt: „Liebe mich, wenn ich es am wenigsten verdiene. Denn dann habe ich es am nötigsten.“ Fadi Saad, der ehemalige Straftäter, ist kein nachgiebiger Softie.  Er plädiert dafür, dass klare Regeln herrschen und  durchgesetzt werden. Aber das bedeutet eben auch: Sich den schwer zugänglichen Kinder zuzuwenden, sich mit ihnen auseinander zu setzen.

Dafür braucht man sicher mehr Menschen als eine einzige Lehrerin in einer großen Klasse. Das kostet Geld – aber wenn Steuergeld gut ist, um Banken zu retten – sollte es da nicht auch gut sein, Kindern zu helfen? „Wende dich nicht ab, wenn ich dir ein hässliches Gesicht zeige – verwirf mich nicht.“ So höre ich Fadi Saads Motto und denke: Ja, diese schnellen Verwerfungen, dieser Hass aus der Ferne, den wir uns als gesetzestreue Bürger gerne leisten, wenn wir von kriminellen Jugendlichen hören -  die sind auch ein Übel und eine Schuld.

 

Audiobeitrag "Fadis Umkehr"


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