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Zum Ewigkeitssonntag
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang. Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind. Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang und lass mich willig in das Dunkel treiben. Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben
Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr. Und die es trugen, mögen mir vergeben. Bedenkt: Den eigenen Tod, den stirbt man nur Doch mit dem Tod der andern muss man leben.*
Als Mascha Kaléko diese Zeilen schrieb, hatte sie Angst. Ihr Mann, dem sie innig verbunden war, litt an Herzanfällen. Sie sah den Abgrund vor sich: Ihn zu verlieren, das würde sie nicht ertragen. So ist es, wenn der Tod anklopft. Wie mächtig merken wir es dann auf einmal, dass wir wirklich von der Liebe leben. Dass wir in all den kleinen und großen Alltäglichkeiten immerfort von den Menschen gehalten werden, die uns nah sind. Dass mir das Essen schmeckt, dass ich über einen Witz lachen kann, dass ich meine Arbeit wichtig finde, dass ich singen kann oder Gedichte schreiben all das, was doch scheinbar nur meine Sache ist, es nährt sich immerzu von den Vertrauten, mit denen mein Leben verwachsen ist. Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind? Dann geht für mich das Licht aus, dann weiß ich nicht mehr, warum ich essen, arbeiten und singen sollte. Allein im Nebel tast ich todentlang mit einem Krater im Herzen, einer großen Leerstelle. Die Dichterin Mascha Kaléko traf es Jahre später härter als sie es in ihren Ängsten geahnt hatte: Noch vor dem Gatten verlor sie den Sohn. Irgendwann danach, nach einem langen Verstummen hat sie ein Allerseelen-Gedicht geschrieben: In meinen Träumen läutet es Sturm, schlägts an mein Fenster, rasselts an Türen. Ob wohl die Toten im Grabe nichts spüren?** Der Schmerz wütete in ihr. Und die bodenlose Verzweiflung, dass er die nicht erreichte, denen er galt weil sie durch nichts mehr zu erreichen waren. Eine Liebende wie Mascha Kaléko wollte sich nicht trösten lassen. Sie trug den Verlust und lernte ihn zu tragen. Lernte auch, wieder ins Leben zu schauen mit einem tieferen Blick. Nicht schien ihr mehr so ganz wichtig, aber auch nichts wirklich verloren. Sie war weiter als wir. Mascha hatte eine andere Stufe erreicht, sagte eine Freundin. Und eine andere Freundin berichtet: Sie starb in der Gewissheit, dass der Tod nicht das Ende des Seins ist. Mag sein, dass in den Jahren der Trauer und der Einsamkeit die Liebe in ihr noch immer größer und klarer geworden ist, bis sie wirklich stärker war als der Tod. Bis sie diese Grenze nicht mehr als Bedrohung empfand, sondern als Eintritt in Gottes größere Wirklichkeit. Morgen wird in den evangelischen Gottesdienstens an die Menschen erinnert, die in diesem Jahr gestorben sind. Es wird gebetet für all die Trauernden, die jetzt allein im Nebel todentlang tasten und nicht wissen, wie sie mit der Leerstellen in ihrem Herzen weiterleben sollen. Aber der Sonntag heißt Ewigkeitssonntag. Denn das ist unsere Zuversicht: Wo wir nur das Ende sehen, fängt Gott neu an. Aufwachen! ist darum das Thema dieses Sonntags, Wachet auf, ruft uns die Stimme wird in den Kirchen gesungen. Es gibt ein banges Aufwachen, das aus dem Schmerz kommt: Wenn der Tod uns bewusst macht, wie kostbar das Leben ist, wie sehr die Liebe zählt. Aber wir sind eingeladen, die Bangigkeit hinter uns zu lassen und ins Offene zu schauen denn was uns entgegenkommt, ist nicht das Ende, sondern Gottes neuer Anfang.
*Mascha Kaléko: Memento, in: Verse für Zeitgenossen, rororo 1659, Reinbek 1985, **Mascha Kaléko, Allerseelen, in: In meinen Träumen läutet es Sturm, dtv 1294, München 1977
Zum Ewigkeitssonntag
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