Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.11.08, Pfarrerin Susanne Schart (Choralandacht)

Wie schön leuchtet der Morgenstern (eg 70)

Ewiges Leben. Voller Freude und Wonne. Voller Lust und Leidenschaft. Schon jetzt der Himmel auf Erden. Dem Paradies so nah.

Keine Gebrechen. Kein Krieg. Kein Leid. Nicht eine Träne der Trauer – nur der Freude. Ewiges Leben. Ein Wunsch, so alt wie der Tod.

Choral: (1. Strophe): Wie schön leuchtet der Morgenstern / voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn, / die süße Wurzel Jesse. / Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, / mein König und mein Bräutigam, / hast mir mein Herz besessen; / lieblich, freundlich, schön und herrlich, / groß und ehrlich, reich an Gaben, / hoch und sehr prächtig erhaben!

Sprecher: Wie schön leuchtet der Morgenstern voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn, die süße Wurzel Jesse. Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, mein König und mein Bräutigam, hast mir mein Herz besessen; lieblich, freundlich, schön und herrlich, groß und ehrlich, reich an Gaben, hoch und sehr prächtig erhaben!

Autorin: Die unstillbare Sehnsucht nach ewigem Leben kommt nicht von ungefähr. Wer um sich herum nur dem Tod ins Auge schaut, wünscht sich nichts sehnlicher als einen Stern am Firmament – lieblich, freundlich, schön und herrlich.

Es ist der Wunsch von Philipp Nicolai. Einst Pfarrer der Stadtkirche zu Unna. Anno Domini 1596. Seine Worte sind es, die wir hier hören und die von der tiefen Sehnsucht nach Ewigen Leben singen. Pfarrer Nicolai sehnt sich nach dem leuchtenden Morgenstern wie nach nichts anderem auf der Welt. Aber er wartet vergebens. Der schwarze Tod geht um. Erbarmungslos wütet die Pest. Der Himmel über Unna ist selbst bei Tag schwarz wie die Nacht. Leichengestank liegt in der Luft. Totenklage in jedem Haus. 20 Beerdigungen an einem Tag. Für Pfarrer Nicolai – Alltag. Todesangst ergreift auch den frommen Theologen: wer wird der Nächste sein? Herr, bin ich es?

Choral: (7. Strophe): Wie bin ich doch so herzlich froh, / dass mein Schatz ist das A und O, / der Anfang und das Ende. / Er wird mich doch zu seinem Preis / aufnehmen in das Paradeis; / des klopf ich in die Hände. / Amen, Amen, / komm du schöne Freudenkrone, bleib nicht lange; / deiner wart ich mit Verlangen.

Autorin: Ist es Todesverlangen oder Sehnsucht nach Ewigem Leben? Es ist ein schmaler Grad. Wer will es entscheiden? Wenn das Leid keine Gnade kennt, wenn man sein Kreuz nicht mehr tragen kann, zerbricht der Mensch oder flieht in eine andere Welt. Philipp Nicolai möchte der irdischen Endzeit entfliehen. Egal wie. Nur fort von hier. Wer will es ihm verdenken? Er will lieber in die himmlische Herrlichkeit entrücken: Dem lieblichen Chor der Engel lauschen. Den Duft von Blumen atmen; keinen Leichengestank. Er will sich von der Freude des Jenseits beglücken lassen.

Choral: (4. Strophe): Von Gott kommt mir ein Freudenschein, / wenn du mit deinen Äugelein, / mich freundlich tust anblicken. / O Herr Jesu, mein trautes Gut, / Dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut/  mich innerlich erquicken! / Nimm mich, freundlich, / in dein’ Arme, dass ich warme werd von Gnaden, / auf dein Wort komm ich geladen.

Sprecher: Von Gott kommt mir ein Freudenschein, wenn du mit deinen Äugelein, mich freundlich tust anblicken.

Autorin: Doch wohin Nicolai auch schaut, er sieht nur Augen voller Tränen und Trauer. Augen, die dem Tod zu oft ins Gesicht sehen mussten. Der die Eltern der Kinder beraubt und Kinder zu Waisen macht. Der Tod, der keinen Unterschied kennt. Gerecht und erbarmungslos zugleich. Ob Bettler oder Edelmann, Pastor oder Hure – vor ihm werden alle gleich.

Choral: Wie schön leuchtet der Morgenstern. (1. Strophe)

Autorin: Ach würde er doch nur einmal leuchten, dieser ewige Stern.

Choral: Von Gott kommt mir ein Freudenschein. (4. Strophe)

Autorin: Ein Freudenschein voller Hoffnung und Gnade. Würde er nur dieses irdische Leid beenden und alle Tränen abwischen.

Choral: Singet, springet, jubilieret, triumphieret, Dankt dem Herren! Groß ist der König der Ehren! (6. Strophe)

Autorin: Nicolais Flehen wird erhört. Das Licht der Ewigkeit strahlt ihn an, freundlich und warm – in der Liebe Gottes. Sie ist die Hoffnung in mitten von Leid und Tod. Das Tor zum Ewigen Leben.

Sprecher: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollendet, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. (I Joh 4,16b.ff) Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (5,4) Auf ewig sind wir geborgen in Gottes Liebe.

Autorin: Wer berauscht ist von der ewigen, göttlichen Liebe, der hat schon jetzt den Himmel auf Erden. Ist dem Paradies so nah. –
Gott anklagen?! Gott verantwortlich machen für das Elend, das tagtäglich geschieht?! Oder Gott gar leugnen? Das kommt Nicolai nicht in den Sinn. Das, was man im Angesicht von Krieg, Leid und Tod noch Leben nennen kann, bringt ihn fast um den Verstand. Aber so von Sinnen ist er nicht, dass er das einzige Band, das Hoffnung verheißt, zerreißt. Mit den Füßen zwischen Leichen schwingt sich seine Stimme auf zu einem Liebeslied, wie es zärtlicher kaum sein kann. Wie eine liebeskranke Braut, die es unentwegt zu ihrem Geliebten treibt, buhlt er um die Liebe Gottes.

Sprecher: Herr Gott Vater, mein starker Held, du hast mich ewig vor der Welt in deinem Sohn geliebet. Dein Sohn hat mich ihm selbst vertraut, er ist mein Schatz, ich bin sein’ Braut, sehr hoch in ihm erfreuet. Eia, eia, himmlisch Leben wird er geben mir dort oben! Ewig soll mein Herz ihn loben.

Autorin: Ewiges Leben wird ihm auf Erden nicht geschenkt. Im Jahre 1608 stirbt Nicolai mit 52 Jahren. Was bleibt: ist sein Morgensternlied. Es hat Elend, Pest, Jahrhunderte überdauert. Es lebt über den Tod hinaus, denn es schenkt uns schon jetzt Trost und Hoffnung. Gibt uns schon jetzt einen Vorgeschmack auf die Ewigkeit.

(Choral Zwischenmusik)

Sprecher: Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Die Stätte Gottes bei den Menschen! Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz. Denn das Alte ist vergangen. Siehe, ich mache alles neu! (Apk 21,1-5)

Choral: (7. Strophe): Amen, Amen, komm du schöne Freudenkrone, bleib nicht lange; deiner wart ich mit Verlangen.

Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrerin Susanne Schart aus Unna über den Choral “Wie schön leuchtet der Morgenstern“. Es sang der Windsbacher Knabenchor unter der Leitung von Karl-Friedrich Beringer.

Audiobeitrag Wie schön leuchtet der Morgenstern (eg 70)


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen