Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.11.08, Antje Borchers

Sie schickt der Himmel!

Sie schickt der Himmel! Ein Segen, dass Sie gekommen sind! – Das konnte die alte Frau am Ende getrost zu Birgit sagen.

Aber dass beide vorher einen Blick in die Hölle werfen mussten, ahnten sie nicht. Es begann ganz harmlos. Rotkäppchen sollte das Thema sein, Rotkäppchen und die möglichen Deutungen dieses Märchens. Das wünschten sich die alten Frauen für ihren Gesprächskreis.

Birgit bereitete sich also auf den Nachmittag vor und merkte: Oh, oh, das kann heikel werden, denn eine mögliche Deutung von Rotkäppchen ist, dass es in symbolischer Form ein Vergewaltigungserlebnis behandelt. Birgit überlegte, ob sie lieber ein ganz anderes Märchen nehmen sollte, wollte aber den Wunsch der Frauen respektieren: Sie wollten über Rotkäppchen reden. Der Nachmittag kam – und Birgit sprach behutsam auch das Thema Gewalt in diesem Märchen an.

Birgit: »Ich merkte, als ich das so benannte und auch an einzelnen Punkten belegte, dass eine große Stille, eine betroffene Stille in diesem Gemeindekreis eintrat.Und ich war im Nachhinein gar nicht sicher: Habe ich diesen alten Frauen zu viel zugemutet, die alle Kriegserfahrung hinter sich haben?«

Autorin: Die Frauen, die sonst so angeregt ins Gespräch kommen, redeten an diesem Nachmittag nicht. Eine sagte nur, ach, das ist ja nun gar kein schönes Märchen mehr. Birgit selbst fand es nicht leicht, ein belastendes Thema angesprochen zu haben. Andererseits wusste sie durch ihren beruflichen Alltag in der Lebensberatung, wie hilfreich so etwas sein kann:

Birgit: »Es ist meine Erfahrung, dass es nach einer Zeit, wenn die Zeit reif ist für diesen Menschen, gut ist, etwas auszusprechen, was einen über lange Jahre belastet hat.Ich wusste, dass ich’s vorsichtig angehen kann, und dass ich in der Lage bin, wenn heftige Reaktionen kommen würden, dass ich die auch auffangen kann.«

Autorin: Es kamen aber gar keine Reaktionen. Zunächst. Wochen später besuchte Birgit eine der alten Frauen, wie schon öfter. Nun erfuhr sie, dass die Achtzigjährige sehr betroffen war durch den Gemeindenachmittag. Und: Sie wollte Birgit gerne sagen, was ihr alles passiert ist.

Birgit: »So wurde ich Zeugin einer Beschreibung, die mich dann sehr bewegt hat. Sie hat Schlimmes erlebt, sie hat selbst Vergewaltigung erlebt in mehrfacher Form. Und das hat sie auch so belastet, dass auch in der Zeit danach, als sie wieder bei ihrem Mann war, eigentlich keine Möglichkeit war, darüber jemals zu sprechen. Ich war die erste, der sie dieses überhaupt anvertraute, ich war die einzige, der sie dieses überhaupt anvertraut hatte.

Autorin: Birgit wurde zum Segen für die alte Frau, vom Himmel geschickt. Weil sie das gemacht hat, was sie kann: zuhören und die richtigen Themen behutsam ansprechen.

Birgit: »Sie war mir sehr, sehr dankbar für den Nachmittag, und dass sie an diese Erinnerung herangekommen ist und zum ersten Mal den Mut gefunden hat, sie mir gegenüber auszusprechen.

Autorin: Ich glaube, genau das ist die Grundidee von Gott: Gott segnet uns, das bedeutet, er stattet jeden von uns mit Talenten und Kompetenzen aus, und wir sollen damit zum Segen werden. – Ja, dann gucken Sie mal, wo der Segen Gottes in Ihrem Leben steckt. Und wohin der Himmel Sie schickt.

 

Audiobeitrag Sie schickt der Himmel!


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