Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.11.08, Pfarrer Dietmar Silbersiepe

150 Jahre Lourdes - Wunder heute

150 Jahre Lourdes hat die katholische Kirche in diesem Jahr gefeiert. Hunderttausende sind seit der Marienerscheinung im Februar 1858 zu der Wunder-Grotte nach Südfrankreich

gepilgert in der Hoffnung auf Heilung von Krankheit und Behinderung. Auch Anne hatte mit ihrer an Leukämie erkrankten Tochter Meike auf ein Wunder gehofft – ohne Lourdes aber mit viel Gottvertrauen. Das Wunder ist ausgeblieben. Meike starb vor drei Jahren im Alter von 22.

O-Ton: Wir sind eigentlich nicht in diese Krankheit reingegangen mit dem Gefühl, wir bereiten das Sterben vor, sondern wir brauchen nur Geduld, und sie wird wieder gesund. Und diese Hoffnung hat uns mit einigen Brüchen dann im Grunde fast zwei Jahre getragen.

Autor: Hoffnung auch dann noch, als die Ärzte Meike aufgegeben hatten. Auf ein Wunder haben sie gehofft, unbändig, ja, fast trotzig, auf ein Wunder von Gott. Sie alle, Meike, ihre Schwestern, ihre Mutter und ihr Vater.

O-Ton: Da war ich mit Meike, waren wir uns auch ganz einig, dass wir Gott das zutrauen, dass es für Gott noch möglich wäre, die Leukämiezellen zu killen.

Autor: Gehofft haben sie und gebetet, unablässig gebetet und sich getragen gefühlt von vielen anderen Menschen, die mitgebetet haben. Zu keinem Zeitpunkt hat die Familie ernsthaft in Betracht gezogen, nach Lourdes zu fahren oder einen der Wunderheiler aufzusuchen.

O-Ton: In der Zeit habe ich schon auch mit Meike diese Fragen diskutiert. Und bei dieser Frage - „sollen wir uns auch an Wunderheiler wenden, und da würde ich jetzt Lourdes auch irgendwo als Wunderort mit einschließen“ - waren Meike und ich uns sehr einig, dass wir eben nicht Mittler brauchen zwischen dem Wunder und uns und Gott.

Autor: Für die evangelische Familie gehört das zur Freiheit eines Christenmenschen.

O-Ton: Man sagt ja auch die protestantische Kirche ist die Kirche der Freiheit. Also für mich ist Freiheit eben auch genau diese Freiheit von Vermittlung. Jesus hat mir ne direkte Beziehung zu Gott als meinem Vater geschenkt und mir praktisch den Weg eröffnet, dass ich direkt mit dem Schöpfer Himmels und der Erden kontakten kann, und da brauch ich nicht irgendwelche Orte oder Menschen, die dazwischen sind.

Autor: Das Wunder ist nicht in Menschenhand, auch nicht gebunden an Orte wie Lourdes, allein in Gottes Hand, allein Gottes Sache!

O-Ton: Ich bin ganz gewiss, dass Gott also, wenn der in meinem Leben ein Wunder tun will, dass er das tun kann an jedem Ort und in jeder Situation.

Autor: Bei Meike ist es ausgeblieben, trotz unbändigen Glaubens und der vielen Gebete.

O-Ton: Ich habe darauf gehofft bis, sagen wir mal, 14 Tage etwa vor Meikes Sterben. Dann hatte ich einfach für mich so das Gefühl, Gott will das nicht tun, nicht: Gott kann das nicht, sondern: Gott will das nicht.

Autor: So lautet die schwerste aller Fragen: Warum will Gott nicht, dass eine 22jährige, die ihr Leben noch vor sich hat, weiterleben darf?

O-Ton: Das ist die offene Frage, die ich ihm als erstes stellen werde, wenn ich Gott von Angesicht zu Angesicht sehe.

Autor: In Meike’s Tagebuch, das veröffentlicht wurde, findet sich ein Gebet von ihr, das den Eltern und Freunden Trost gibt, wenn sie morgen, am Ewigkeitssonntag, ihr Grab besuchen:

„Gott, ich würde so gerne glauben, dass du immer bei mir bist. Doch an manchen Tagen ist es schwer, dich zwischen Medikamenten und Schmerzen zu finden. Es kommt vor, dass mein Verstand sich wehrt. Wo sind Güte und Gerechtigkeit? Nicht in dieser Welt? Und doch, ich bitte und bete und lasse mich immer wieder neu fallen in deine Arme“.

Audiobeitrag 150 Jahre Lourdes - Wunder heute


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