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Wir sind Kinder des Lichts
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt.Gott, wir hören dein Wort immer wieder
hilf du uns, dass wir dein Wort als das erkennen, was es ist die gute Nachricht für uns und für alle. Und bestimme du unser Reden und unser Hören. Amen
Liebe Gemeinde, von Leid und von Licht ist heute die Rede, von schrecklichen Taten in der Vergangenheit und von Hoffnung auf die Zukunft Gottes. Wie können wir in der Gegenwart beides zusammenbringen? Denn trennen können wir nicht dazwischen. Wer nur noch das Leid sehen kann, wer die schrecklichen Taten in der Vergangenheit als das Bestimmende für die Gegenwart sieht, wird vermutlich in Depression versinken oder verbittern. Wer nur das Licht sehen will, nur von Hoffnung redet, wird unachtsam den Leidenden gegenüber und versucht die Realität auszublenden. Beides gehört zusammen: eine klare Sicht auf all das, was falsch, böse und schrecklich ist in der Welt und eine deutliche Wahrnehmung dessen, was von Gott in unsere Welt kommt.
Wie können wir das zusammenbringen? Am angenehmsten wäre es vermutlich, wenn es eine zeitliche Reihenfolge gäbe: erst das Leid, dann die Freude. Im Unglück könnte man darauf hoffen, dass einmal alles wieder gut wird. Wie im Märchen nachdem alle Leiden und Prüfungen überstanden sind, kommt der erlösende Schlusssatz: Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr seliges Ende.
Das ist aber nicht realistisch. Realistisch ist leider, dass es Dinge gibt, die nicht glücklich überstanden werden. Realistisch ist, dass vor 70 Jahren und in der ganzen Zeit des Nationalsozialismus Millionen von Juden und anderen Menschen gequält und getötet worden sind. Es gab keine glückliche Wende für sie nur schließlich das längst fällige Ende von Tyrannei und Krieg, mit unendlich vielem Leid und Tod. Und das war zu allen Zeiten so: die Dunkelheit löst sich nicht einfach auf, das Licht überstrahlt nicht alle Schatten, und Not und Tod werden nicht aufgehoben. Das sehen und hören wir überall, ob nun im Kongo, in Afghanistan und Pakistan, im Sudan oder an einem der fast vergessenen Schreckensorte dieser Welt. Und wer nicht bewusst wegschaut, kann auch in unserem sicheren und reichen Land sehen, wie viel Not und Tod es gibt, in Vernachlässigung oder Brutalität oder Krankheit. Es wird eben nicht alles gut, sooft das auch als Floskel gesagt werden mag.
Gott sei Dank ist aber auch das andere da: dass tatsächlich Licht in die Dunkelheit scheinen kann. Dass mitten in Hass und Gewalt das andere zumindest auch möglich ist: Hilfe, Protest, Widerstand. Dass Menschen für andere eintreten, einander in schweren Zeiten Stütze und Hilfe sind. Dass Geld und Macht doch nicht die einzigen Kräfte sind, die die Welt bestimmen, sondern dass es auch Solidarität und das Streben nach Entwicklungsmöglichkeiten, Frieden und Gerechtigkeit für alle gibt.
Aber wie leicht geht uns da die Luft aus
Denn alles Bemühen von gutwilligen Menschen reicht nicht weit genug. Immer ist noch mehr da, das eigentlich zurechtgebracht werden müsste, nie wird alles heil. Wenn wir auf das setzen, was wir verändern können, dann kann uns leicht der Mut sinken denn das, was wir verändern können, ist so begrenzt. Wie schön wäre es, wenn einmal alles anders würde
Wann denn?!
In der Evangeliumslesung haben wir genau diese Frage gehört: Wann ist es soweit? Wann kommt das Reich Gottes? Die Menschen zur Zeit Jesu meinten mit dem Reich Gottes eine andere, eine bessere Welt. Gott würde das Böse zum Verschwinden bringen. Im Reich Gottes wäre der Wille Gottes das Ausschlaggebende. Im Reich Gottes gäbe es keinen Hass mehr und keine Unterdrückung. Da wäre die Welt so, wie Gott sie gemeint hat. In wunderbaren Bildern sprechen die Propheten davon: wo Schwerter zu Pflugscharen werden und wo ein kleines Kind den Löwen und das Lamm zusammen hüten kann da ist das Leid vergangen, da hat das Reich Gottes begonnen. Wann wird das sein, fragen sie Jesus, wann kommt das Reich Gottes.
Jesus weist diese Frage aber zurück. Er gibt keinen Termin an, noch nicht mal einen unüberprüfbaren in ferner Zukunft. Er antwortet so: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man's beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! Oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. Von der Gegenwart Gottes in der Welt spricht Jesus nicht irgendwann später, sondern jetzt und hier, mitten unter euch. Mitten unter uns?
Die Jünger Jesu hatten es da wohl leichter sie haben ja das Reich Gottes erlebt. Da, wo er war, war der Wille Gottes das Ausschlaggebende, da wurden Kranke gesund und Verzweifelte bekamen Mut, da wendeten sich Menschen vom Unrecht ab und wurden neu, da erlebten die Zuhörer, dass Gott ihnen in Jesus ganz nah kam. Da konnten sie es spüren, dass das Reich Gottes mitten unter ihnen war.
Aber ist es auch mitten unter uns? Wie ist das, wenn man Jesus nicht sehen und hören und erleben kann wie seine Zeitgenossen? Wie ist das, wenn man vom Reich Gottes hört und sich danach sehnt und daran leidet, wie diese Welt ist?
Musik
Wie ist das, wenn man vom Reich Gottes hört und sich danach sehnt und daran leidet, wie diese Welt ist? Wann können wir erleben, dass das Reich Gottes mitten unter uns ist?
Der Apostel Paulus hat diese Frage auch einmal gestellt bekommen. Seine Gemeinde in der griechischen Hafenstadt Thessalonich hat ihm geschrieben lauter begeisterte Christen, frisch getauft, eifrig und fromm, in der Erwartung, dass Jesus ganz bald wiederkommt und ihnen persönlich begegnen wird. Aber es dauert und dauert und dann sterben einige und da stellt sich der jungen Gemeinde in Thessalonich eben auch die Frage: Wann?! Und sie schreiben ihrem Apostel: Paulus, wir warten so wann? Wann kommt der Herr zu uns? Wann wird alles gut? Und Paulus antwortet ihnen:
Von den Zeiten und Stunden aber, meine Lieben, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr -, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen. 4 Ihr aber, meine Lieben, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.
Zunächst einmal nimmt Paulus eine Illusion: denen, die ihn so eindringlich nach dem Wann fragen, antwortet auch er: lasst doch diese Frage! Es ist nicht nötig, euch etwas von Terminen zu erzählen. Seid einfach aufmerksam! Er redet in anderen Bildern als Jesus vermutlich hat er die Frage nach dem Reich Gottes und Jesu Antwort darauf aus dem Lukas-Evangelium, die wir eben gehört haben, gar nicht gekannt. Aber sinngemäß sagt er dasselbe: wir warten auf den Tag des Herrn, den Tag, an dem die Welt, wie wir sie kennen, von Gott beendet wird, den Tag, an dem der auferstandene Jesus Christus für alle sichtbar seine Herrschaft antritt. Darauf warten wir! Aber, sagt Paulus, mit Terminberechnungen geben wir uns nicht ab es geht darum, wie wir jetzt leben! So wie Jesus denen, die nach dem Wann fragten, geantwortet hat: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten kann, aber es ist mitten unter euch so antwortet Paulus: Ich kann euch nicht sagen, wann der Tag des Herrn kommt und die neue Welt Gottes beginnt irgendwann, ganz plötzlich. Wir leben in der Nacht der Welt aber wir sind Kinder des Tages!
Und damit sind wir Heutigen dran. Wir erleben den Abstand zwischen unserer Realität und der erwarteten Welt Gottes ja noch viel krasser als die junge Gemeinde in Thessalonich damals: So viel Zeit ist vergangen, 2000 Jahre und immer noch warten, und immer noch so viel Leid, und immer noch nicht die Welt, die nach Gottes Willen ganz verwandelt ist.
Das, was Paulus damals den jungen Christen in Thessalonich zur Ermutigung sagt, das brauchen wir noch viel mehr. Wir brauchen diese Ermutigung, die Erinnerung daran, dass Gott sehr wohl auch jetzt in unserer Welt ist. Wir leben in der Nacht der Welt aber wir sind Kinder des Tages! Und deshalb besteht Hoffnung. Gott gibt jetzt schon etwas vom Reich Gottes, in der Nacht der Welt hat der neue Tag schon jetzt Realität.
Es besteht Hoffnung, denn das ist tatsächlich erfahrbar. Eigentlich ist es so einfach, dass es fast schon peinlich ist, sich immer wieder daran erinnern lassen zu müssen.
So empfiehlt es Paulus: Mitten in der Nacht der Welt auf den Tag setzen das heißt: einfach jetzt schon so leben, als ob der Tag des Herrn schon da wäre. Einfach so leben, als ob das Reich Gottes sichtbar um uns herum wäre das heißt: sich im Sinne Jesu verhalten. Das ist wirklich einfach! Wir haben ja wohl alle eine ganz deutliche Vorstellung davon, wie die Welt nach Gottes Willen sein sollte. Und da könnte ich mich ja fragen: Was würde ich tun, wenn jetzt um mich herum das Reich Gottes wäre? Was würde ich tun, wenn die Nacht der Welt, die Nacht von Leid und Tod und Hass, auf mich gar keinen Einfluss mehr hätte?
Das ist nicht schwer weder die Frage stellen, noch die Antwort zu finden. Denn dann gibt es keinen Katalog von Forderungen ich selbst kann überlegen, was denn meine Möglichkeiten und meine Aufgaben sind, direkt vor meiner Nase. Wer braucht mich, und was kann ich tun? Sobald wir, jeder und jede für sich, darüber nachdenken, wird uns schon etwas einfallen.
Was kann ich tun o etwa eine alte und gehätschelte Kränkung endlich verzeihen und Frieden machen. o etwa da, wo jemand in der Schule oder in der Firma oder in der Gemeinde gemobbt wird, nicht mitmachen, sondern einschreiten. o etwa nicht auf meinem guten Recht bestehen, sondern Nachsicht haben mit den Fehlern der anderen. o etwa meine Kraft für eine gute Sache einsetzen, für die ich ehrenamtlich etwas tun kann. o etwa nicht wegschauen, wo ich Leid nicht lindern kann, sondern aushalten mit einem Menschen, der Schweres durchmacht. o etwa nicht nur bedauernd den Kopf schütteln über Flüchtlingselend und Hungerkatastrophen, sondern wenigstens wahrnehmen, was andere durchmachen, ihr Leid nicht ignorieren, für sie beten. o etwa meine Energie und meine guten Ideen nutzen für ein politisches Engagement.
Und heute, am 9. November, kann das eben auch heißen: die Opfer von Hass und Gewalt und Mord nicht vergessen und ihr Leid nicht ignorieren, sondern ihre Würde anerkennen als Menschen, denen Unrecht getan wurde, und ihrer gedenken. Und so denken wir heute, stellvertretend für die Vielen, an Olga Dannenbaum, die in unserem Ort gewohnt hat, bis sie als Jüdin deportiert wurde, und zu deren Gedächtnis ein Stolperstein in der Straße an unserer Kirche liegt.
Das alles ist ja nichts Außergewöhnliches es ist gut und richtig und vernünftig. Das heißt es, in der Nacht der Welt als Kind des Tages zu leben: die einfachen, freundlichen, liebevollen Dinge tun, die wir tun können. Darauf vertrauen, dass Gott uns die Kraft geben wird für schwere Zeiten und ihn auch darum bitten. Mitten in den schweren Zeiten nicht an uns und an Gott verzweifeln, sondern um Kraft zum Tragen zu bitten. Nicht sagen: so ist die Welt eben, verdorben von Grund auf, und da kann ich gar nichts machen sondern einfach anfangen, da wo ich bin, mit dem, was ich tun kann.
Liebe Gemeinde, Sie glauben ja wohl nicht, dass das banale Kleinigkeiten wären? Ganz und gar nicht, das ist höchste christliche Lebenskunst und ein Gang auf einem schmalen Grat zwischen Verzweiflung und Leichtfertigkeit. Nicht verzweifeln an Leid und Tod und unserer Ohnmacht, nicht leichtfertig wegschauen und nicht das Leid ignorieren. Das ist natürlich nicht bequem aber das Christentum verkündet ja auch nicht die Bequemlichkeit als das Höchste, sondern die Liebe. Wir sind oft viel zu bequem, um uns so zu verhalten leider. Aber wo wir Gott um Kraft und Mut und Fröhlichkeit dafür bitten, wird er uns nicht enttäuschen da ist das Reich Gottes mitten unter uns. Das können wir immer wieder erleben, denn wir sind ja damit nicht allein. Die Kraft dazu will Gott uns geben. Es ist ja sein Reich, das durch uns Gestalt annehmen kann, immer wieder einmal. Es ist das Licht seines Tages, das durch uns hindurch in die Nacht der Welt leuchten kann, immer wieder einmal.
Und so wird uns keine Last aufgelegt, sondern wir dürfen mutig und fröhlich sein und annehmen, was Gott uns gibt. Wir warten auf die neue Welt Gottes, in der Gewissheit, dass er uns entgegen kommt und uns jetzt schon nahe ist.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen
Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 23.11.2008 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Ev. Petrikirche aus Mülheim an der Ruhr übertragen. Die Predigt hält Pfarrer Peter Vahsen.
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