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Glauben
Ich hätte einfach gern noch etwas Zeit, sagt Tanja. Ich hatte sie gefragt, was sie sich wünscht für Ihren weiteren Weg. Tanja will bald heiraten.
Ich sitze mit den beiden Brautleuten an ihrem Küchentisch. Heute geht es Tanja ganz gut. Aber sie weiß nicht, ob sie den Weg zum Standesamt schaffen wird. Tanja hat Krebs im Endstadium. Medikamente schlagen nicht mehr an. Sie hatte mich angerufen, weil sie und ihr Lebensgefährte Christoph heiraten wollen und eine kirchliche Trauung wünschen. Nun sitze ich bei diesem Brautpaar und wir spüren alle drei, dass Tanja den Weg in ihre Wunschkirche kaum noch schaffen wird. Es ist erst zuende, wenn es zuende ist, sage ich. Bis dahin planen wir die Zukunft.
Was kann der evangelische Glaube Menschen wie diesem Brautpaar anbieten an Sinn und Orientierung und Hilfe? Heute ist Reformationstag. Vor 491 Jahren veröffentlichte Martin Luther Thesen gegen den Handel mit käuflichen Ablässen. Skandalös schien ihm der Verkauf von Papieren, die Freiheit von den Sündenstrafen im Fegefeuer ohne Reue versprachen. Es sei ein Missbrauch, das Gottesverhältnis finanziell bereinigen zu wollen.
Sprecher: Daher irren alle Ablassprediger, die da sagen, dass durch des Papstes Ablass der Mensch von aller Strafe los und selig werde. (
) Die predigen Menschentand, die da vorgeben, dass, sobald der Groschen, in den Kasten geworfen, klingt, die Seele aus dem Fegefeuer auffahre.
Musik: Sting: Fragile (Produced by Neil Dorfsman and Sting, auf: Sting, The best of, No. 10, 1994 A&M Records, Label-No.: 73154032124, LC 0485)
If blood will flow when flesh and steel are one Drying in the colour of the evening sun Tomorrow´s rain will wash the stains away But something in our minds will always stay.
Perhaps this final act was meant To clinch a lifetime´s argument That nothing comes from violence And nothing ever could For all those born beneath an angry star Lest we forget how fragile we are
On and on the rain will fall like tears from a star, like tears from a star On and on the rain will say how fragile we are, how fragile we are On and on the rain will fall like tears from a star, like tears from a star On and on the rain will say how fragile we are, how fragile we are How fragile we are, how fragile we are
Nein, die wirklich wichtigen Dinge lassen sich nicht kaufen, Vergebung ebenso wenig wie ein gutes Gewissen und auch nicht die Zeit, die uns bleibt. Auch Menschen, denen wir vertrauen, sind nicht käuflich. Solche Einsichten verdanken wir Luthers Reformation und noch ein paar mehr. Was hat sie gebracht für Menschen damals und heute, für Menschen wie Tanja und Christoph und auch für Menschen wie mich, der ich bei diesen beiden Liebenden sitze und um die richtigen Worte ringe?
Vielleicht war die wichtigste Errungenschaft der Reformation, dass sie ein Sieg war über die Angst. Die Furcht der Menschen vor dem Sterben und vor den drohenden Strafen der Hölle spricht aus vielen Bildern des Mittelalters. Ohne diese Angst wären die Kassen der Ablassprediger leer geblieben und Luther hätte keine Thesen schreiben müssen. Aber dies ist nicht finstere Vergangenheit auch heute gibt es Menschen, die die kirchliche Botschaft als Sammlung von lebensfeindlichen und Angst erregenden moralischen Vorschriften erleben. Luther erfährt Gott als den, der sich Menschen gnädig, vorbehaltlos und mit Liebe zuwendet. Das verändert die Sicht auf das Leben. Damit wird auch ein anderer Umgang mit dem Sterben möglich.
Ich kenne Tanja seit Jahren. Nach ihrer Krebs-Diagnose vor fünf Jahren hatte sie immer wieder Hoffnung auf die Therapien. Tanja hat Kraft, die aus einer positiven, dem Leben zugewandten Haltung wächst. Nun sitzt sie mir in ihrer Küche gegenüber und spricht offen über den Tod. Es ist so bescheuert, sagt sie, dass jetzt, wo es so schön ist, alles zuende sein soll.
Musik: Eric Clapton Tears in Heaven (von: Eric Clapton, unplugged, Reprise Records 1992 a Time Warner Company, CA 91505-4694, ohne LC-Nr.)
1) Would you know my name if I saw you in heaven Will it be the same if I saw you in heaven? I must be strong and carry on cause I know I don´t belong here in heaven
2) Would you hold my hand if I saw you in heaven? Would you help me stand if I saw you in heaven? I´ll find my way through night and day cause I know I just can´t stay here in heaven
Wenn das Leben zuende geht, so schrieb Luther 1519 in einer kleinen Schrift über die Vorbereitung zum Sterben, darf man sich die Bilder der Hölle, der Sünde und des Todes nicht mehr vor Augen lassen.
Sprecher: Drum musst Du hier Gewalt üben und deine Augen fest zu halten vor solchem Blick; denn er ist zu gar nichts nutze, ob du tausend Jahr damit umgingest und er verderbet dich. Drum sieh das himmlische Bild Christi an, der um deinetwillen zur Hölle gefahren und von Gott verlassen gewesen ist. Drum sollen wir an dem Willen Gottes hangen, der ist, dass wir in Christo haften und festiglich glauben, unser Tod, Sünd und Hölle sei uns in ihm überwunden und möge uns nicht schaden. (Sermon von der Bereitung zum Sterben, 353)
Die erschreckenden Bilder des Verderbens und der Hölle sollen im Sterben nicht vor Augen stehen, schreibt Luther, sondern allein Christus, der sich geopfert hat und in den Tod ging, damit wir uns nicht opfern müssen und leben dürfen. Luther lädt ein, den Tod anzunehmen und zugleich alle Bilder des Verderbens aus den Augen zu rücken. Wenn es ans Sterben geht, gilt es, im Vertrauen zu bleiben auf Gottes lebendige, gnädige Macht. Mit diesem Vertrauen und mit dieser Botschaft tritt Luther an gegen die Angst der Menschen seiner Zeit, die zu allen Zeiten immer eine vor dem Sterben ist.
So verliert nicht nur das Angebot einer käuflichen Sündenvergebung durch Ablasspapiere ihre Überzeugungskraft. Auch die Autoritäten seiner Zeit verlieren ihren Schrecken. Als gegen Luther der Ketzerprozess eröffnet wird, hört er nicht auf zu schreiben und zu predigen. Die Reformation ist auch ein Sieg über die Furcht vor Papst und Kaiser und vor deren Macht.
Wo die Angst weicht, gewinnt die Freiheit. Angst legt fest. Freiheit kennt viele Möglichkeiten. Ich will nicht, dass man nur auf meine Krankheit starrt und auf ihren Verlauf, sagt Tanja. Ich kann nichts mehr hören von schlechten Blutwerten. Sie hat die bunten Bilder in ihrem Haus selbst gemalt. Sie liebt ihren Garten und die Ecke hinter dem Gartenhaus, wo der Tisch mit den Stühlen steht. Von hier aus hat man einen Blick über die Stadt. Ich würde gern noch einmal verreisen, sagt Tanja.
Sprecher: Wir sind allesamt zu dem Tode gefordert und wird keiner für den andern sterben. Sondern ein jeglicher wird in eigener Person für sich mit dem Tode kämpfen. In die Ohren können wirs wohl schreien, aber ein jeglicher muss für sich selbst geschickt sein in der Stunde des Todes: Ich werde dann nicht bei dir sein noch du bei mir. Hierbei muss jedermann selbst die Hauptstücke, so einen Christen angehen, wohl wissen und darin gerüstet sein. (Invocavitpredigten März 1522)
Mit diesen Sätzen begann Luther im März 1522 nach der Rückkehr von der Wartburg seine erste Wittenberger Predigt. Fast ein Jahr war er nicht in seinem Kloster. Während seiner Abwesenheit wollten radikale Reformer die Neugestaltung der Kirche entschlossen und rasch voranbringen. Zur Not müsse auch die Gewalt mithelfen. Die alten kirchlichen Zeremonien, so Luthers Kollege Andreas Karlstadt, aber auch die Heiligenbilder und die Messgewänder müssten sofort beseitigt werden. Luther war gegen solche Radikalität, die Gewissen von Menschen vergewaltigte. Wenn wir die Herzen der Menschen nicht gewinnen, wird die Reformation scheitern davon war er fest überzeugt. Wenn der neuen Einsicht die Liebe fehlt, dann wird sie nichts austragen. Kein Herz wird mit Gewalt und Radikalität gewonnen. Allein die Stärke, die aus einer neuen Glaubenseinsicht wächst, kann der Reformation zum Erfolg verhelfen.
Warum Luther? Warum wurde ausgerechnet jener Augustinermönch aus Wittenberg zur entscheidenden Gestalt der evangelischen Kirche? Warum nicht zum Beispiel Erasmus von Rotterdam, der bekannteste Schriftsteller des ausgehenden Mittelalters? Warum nicht eine gebildete Frau wie Argula von Grumbach, die neun Jahre jünger als Luther schon früh reformatorische Ideen vertrat und selbst eigene Schriften verfasste? Warum nicht die unduldsamen Wittenberger Reformer um Andreas Karlstadt, die die kirchliche Neugestaltung viel radikaler angingen als Luther? Oder warum nicht Luthers Freund und Mitstreiter Philip Melanchthon, der noch viel diplomatischer, anpassungsfähiger und vorsichtiger war als dieser?
Vielleicht, weil Luther wie kein anderer die Herzen der Menschen erreichte mit einer kräftigen, überzeugenden Botschaft, die antrat gegen die Angst und gegen alle falschen Festlegungen, die das Leben der Menschen auf die Befolgung von Regeln und Vorschriften reduzieren wollten. Vielleicht, weil er Menschen ermutigte und ihnen Vertrauen ins Leben gab, das sich auf einen Glauben gründet, mit dem man leben, aber auch sterben kann.
Lange hoffte Tanja immer neu auf Besserung oder Heilung. Inzwischen aber spürt sie, dass ihre Kräfte abnehmen. Sie muss ganze Tage liegen. Ich würde einfach gerne leben, sagt sie. Es ist nicht ihre erste Ehe und sie hat bereits zwei kleine Kinder. Ich bin dankbar, dass wir planen können, ihre zweite Ehe unter Gottes Segen zu stellen und ihrem neuen Leben eine Ordnung zu geben. Für Luther ist die Ehe kein Sakrament und in der evangelischen Kirche gibt es nach einem Scheitern die Chance des Neuanfangs. Tanja und Christoph gehen ihren Weg mit Gottes Segen und es gibt eine Form dafür.
Musik: Befiehl Du Deine Wege, (Paul Gerhardt 1653, Melodie Bartholomäus Gesius 1603, Satz Ralf Popken 2003, CD: Du, meine Seele singe, Berühmte Choräle zum Singen, Hören und Meditieren. Wilhelmshavener Vokalensemble Ralf Popken, Leitung; Albert Behrends, Orgel (edition chrismon), Nr. 4. Hansisches Druck- und Verlagshaus Hamburg 2003)
1) Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.
2) Dem Herren musst du trauen, wenn dirs soll wohlergehn; auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn. Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein.
3) Mach End, o Herr, mach Ende an aller unsrer Not, stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.
Luthers Impuls galt dem Recht, gegen alle Autoritäten den eigenen Glaubensweg zu finden. Er übersetzte die Bibel, damit alle sie selbst lesen können. Keine menschliche Autorität soll sich zwischen Gott und den Menschen drängen. Die Mitte der Christusbotschaft ist für ihn, dass Gott uns ins Vertrauen ruft und wir glauben dürfen, dass er sich uns in Liebe zuwendet. Liebe und Freiheit aber gehören zusammen. So dürfen wir das Verhältnis zu Gott in Christus so finden und gestalten, wie es jedem von uns angemessen ist. Der wichtigste Impuls der Reformation ist das Recht auf einen eigenen Glauben, auf den eigenen Weg mit Gott, ohne Angst, ohne Zwang, im freien Vertrauen bis zuletzt.
Ich lerne etwas von diesem Brautpaar. Beide stehen ein für das, was sie glauben und für den unbeugsamen Willen zu ihrem Weg. Und Tanja ist fest davon überzeugt, dass es Himmelsmächte gibt, die ihr Kraft geben: Sonst hätte ich dies alles nicht geschafft, wenn es nicht Engel gäbe, die mich stärken und begleiten. Ich bin beeindruckt von ihrer Stärke und von ihrer Unbeirrbarkeit. Und der evangelische Glaube, was kann er hier anbieten? Zunächst eine Entlastung davon, alle Dinge in eigenen Händen behalten zu wollen. Es gibt eine Liebe, die größer ist als unser Hoffen und Verzagen. Sie umfängt auch das Leiden und alles, was unser Verstehen übersteigt; kennt auch das Sterben, ja sie begibt sich dafür steht das Kreuz in den Tod und verwandelt ihn dadurch. Daraus wächst eine Kraft, die antritt gegen alle Angst und gegen alle Versuche, das Leben sichern zu wollen. Darin gründet die evangelische Freiheit, die Menschen ihre Würde und ihren Weg lässt über das Sterben hinaus.
Tanja ist eine Woche nach ihrer standesamtlichen Trauung gestorben. Statt der geplanten Hochzeit gestalteten wir eine Trauerfeier in ihrer geliebten kleinen Kirche über den Dächern unserer Stadt. Wir gingen für Tanja den Weg, für den am Ende ihre Kraft nicht mehr reichte. Mit einem katholischen Kollegen und vielen Gottesdienstteilnehmern haben wir Abschied genommen. Für die Ansprache wählte ich einen Vers aus dem 1. Korintherbrief, der ursprünglich für die Traupredigt von Tanja und Christoph gedacht war: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
Musik: Von guten Mächten (Text: Dietrich Bonhoeffer 1944, Melodie und Satz: Otto Abel 1959, CD: Du, meine Seele singe, Berühmte Choräle zum Singen, Hören und Meditieren. Wilhelmshavener Vokalensemble Ralf Popken, Leitung; Albert Behrends, Orgel (edition chrismon), Nr. 9. Hansisches Druck- und Verlagshaus Hamburg 2003).
Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Fürbittgebet
Gnädiger Gott, wir brauchen Kraft für unseren Alltag und für das Leben mit seinen Höhen und Tiefen. Wir lieben unsere Freiheit. Aber vieles in unserem Leben suchen wir uns nicht selbst aus. Manches kommt einfach unerwartet, im Guten wie im Schweren. Wir bitten Dich, bewahre uns in der Hoffnung. Erfülle uns mit Deiner Kraft. Schenke uns Vertrauen in die Macht des Lebens und stärke unsere Liebe.
Vater unser
Es segne uns der allmächtige Gott, der die Macht hat, unsere Schuld zu vergeben, unsere Wunden zu heilen und unsere Seelen auch. Er stärke uns durch seinen Sohn Jesus Christus und erneuere unser Leben in der Kraft des Heiligen Geistes. Amen.
Choral: Ein feste Burg ist unser Gott (aus: LC 6160 Die schönsten Choräle; Martin Luther: Verleih uns Frieden gnädiglich, Track 6)
Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen. Der altböse Feind, mit Ernst er's jetzt meint; groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist, auf Erd ist nicht seinsgleichen.
Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren; es streit' für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott, das Feld muss er behalten.
Das Wort sie sollen lassen stahn und kein' Dank dazu haben; er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben. Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: lass fahren dahin, sie haben's kein' Gewinn, das Reich muss uns doch bleiben.
Glauben
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