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Vom Nichtigen
Lagebesprechung im Klassenzimmer. Ende Mai. Vor mir, neben mir lauter junge Menschen, die einen beachtlichen Abschnitt ihres Lebens fast hinter sich haben.
Das Zeugnis in der Tasche blicken sie gespannt in die Zukunft blicken. Eine alte, mehr oder weniger bekannte und vertraute Welt tritt zurück. Eine neue, unbekannte Welt, bahnt sich an. An dieser Schwellensituation planen wir den letzten Gottesdienst ihrer Schulzeit. Was muss passieren, damit Ihr aus diesem Gottesdienst etwas mitnehmt für Euer Leben? Will ich wissen. Ein junger Mann gibt die Antwort: ein Exorzismus!
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, mein Name ist Roland Hosselmann. Ich bin evangelischer Pfarrer in Lippstadt und ich gebe zu, dass mir diese Antwort zunächst einmal die Sprache verschlagen hat. Was müßte in einem Gottesdienst passieren? ein Exorzismus. Die Austreibung von etwas Unheimlichen, Dämonischen, von etwas, das zumindest gefühlt auf die Seite der Macht der Finsternis gehört.
Vielleicht stand mir spontan das finstere Mittelalter vor Augen oder eine okkulte Sekte, die Ungutes im Schilde führt. Auf jeden Fall bin ich auf diese Antwort nicht eingegangen und habe sie zunächst kommentarlos einfach beiseite geschoben. Trotzdem: Was dieser junge Mann da gesagt hat, ließ mich nicht mehr los. Das ist mir nachgegangen und hat mir zu denken gegeben. Habe ich es mir zu leicht gemacht? War es richtig, dieser Antwort auszuweichen? Was, wenn in diesem Rechnen mit der Macht der Finsternis eine particula veri steckt, ein Körnchen Wahrheit, das man besser nicht aus dem Auge verliert.
Musik
Es war Mark Aurel, römischer Kaiser und Philosoph in einer Person, der vor über 1 ½ Tausend Jahren eine Beobachtung auf den Punkt gebracht hat, die heute ein zentrales Ergebnis der modernen Gehirnforschung darstellt. Er schreibt in seinen Selbstbetrachtungen:
Sprecher: Auf die Dauer nimmt die Seele die Farben der Gedanken an.
Auf die Dauer nimmt die Seele Ihre Seele, meine Seele, die Farbe unserer Gedanken an. Was kann nicht alles unsere Gedanken bestimmen, ihnen die Richtung geben? Zweifel. Zweifel im Blick auf mich selbst: Bin ich gut genug? Kann ich das? Werde ich den Anforderungen genügen? Das Soll erfüllen? Zweifel im Blick auf andere: ob sie mich wohl schätzen und mögen? Ob auf sie Verlaß ist? Unordnung, die immer dann aufbricht und sich breit macht, wenn etwas Zweit- und Drittrangiges mit der Macht und dem Anspruch eines Erstrangigen auf die Bühne tritt und man dann spüren kann, wie Prioritäten ins Wanken geraten, ideale Lebensentwürfe zerbrechen. Angst. Angst zu leben, Angst zu sterben.
Mir wird unheimlich zumute, wenn man mir das undurchschaubare Geschehen an der Wall-Street vor Augen führt und dann in unserem Land als vertrauensbildende Maßnahme die jenseits meiner Vorstellungskraft liegende, astronomische Summe von 500. Milliarden Euro in den Raum gestellt wird.
Meine Schüler haben Angst davor, (in ihrer Sprache) Opfer zu sein. Also ein Objekt und Spielball in einem Geschehen, das von außen auf sie zukommt und mit Beleidigungen und Drohungen oder auch mit Fäusten und Tritten von Gewalt überschattet wird. Wo der Mensch, seine Würde, nichts mehr zählt. Wo er zur Ware herabgesetzt wird, dies hat man früher einmal Entfremdung genannt. Aber Entfremdung gibt es auch heute. Immer noch. Oder schon wieder. . Finsteres Mittelalter? Irgendwo eine okkulte Sekte. Nein, das, worum es hier geht, spielt sich um uns ab, zwischen uns, in uns. Wer von der Erfahrung herkommt, nicht der Chef zu sein: nicht in der Welt, nicht im eigenen Haus, ja noch nicht einmal in Bezug auf das, was in ihm selbst vor sich geht, wer da einen dunklen Fleck wahrgenommen hat, vielleicht in einem unbewachten Moment, der wird vorsichtig. Der Philosoph Paul Ricoeur hat nicht zuletzt angesichts der Entgleisungen des 20. Jahrhunderts von dem zeitlosen, mythischen Gefühl des Menschen gesprochen
Sprecher: in eine Geschichte des Bösen einbezogen zu sein, das schon längst vor ihm begonnen hat .
Musik
Was müßte eigentlich in einem Gottesdienst passieren? Vielleicht muss noch weitergefragt werden: Was müßte eigentlich in unserem Gemeindeleben passieren? In unserem Schützenverein oder Kegelclub? In unseren Schulen? Unseren Familien? In dem Verhältnis, das ich zu mir selbst einnehme? Es wäre eine große Sache, wenn es uns gelingt, allem, was dunkel und zerstörerisch ist, etwas Anderes, etwas Starkes, Helles und Aufbauendes gegenüberzustellen. Die Frage ist nur: Wie? Und: Wie nicht?
Ich kann mir die Auseinandersetzung mit einer dunklen Macht dadurch vom Leib halten bzw. vom Leib zu halten versuchen, dass ich ihre Existenz in Abrede stelle und sage: So was gibts gar nicht. Reine Einbildung.
Zu dieser Strategie gibt es eine alte Geschichte aus der Zeit der Wüstenmönche. Etwa drittes oder viertes Jahrhundert nach Christus. Ein sog. Altvater, der spirituell in hohem Ansehen stand, kommt an ein Dorf. Hier ist man an Gott und den Mitmenschen wenig interessiert .
Sprecher: Der Altvater durchwanderte das Dorf und setzte sich außerhalb desselben nieder. Er schlief ein wenig ein und hatte im Traum ein Gesicht, . Mitten auf dem Dorfplatz war ein Thron, darauf ein böser Geist saß. Dieser seufzte vor Langeweile. Ich habe hier zu wenig Arbeit, sagte er. Wie erwiderte der Altvater, hier zu wenig Arbeit. Ja sagte der böse Geist, darum bin ich auch allein an diesem Ort; denn wo die Menschen schon selbstherrlich sind und spotten, uns gäbe es gar nicht, da genügt einer von uns für einen ganzen Ort.
In der Mitte des 20. Jahrhunderts war es der Theologe Karl Barth, der diese Einsicht auf neue Weise zur Sprache gebracht hat. Für Barth konzentriert sich die dunkle Seite der Macht im Begriff des Nichtigen.
Sprecher: Das Nichtige jubiliert geradezu, wenn es bemerkt, dass es nicht bemerkt wird, das es womöglich tapfer entmythologisiert wird, daß die Menschheit ihren kleinen und großen Beschwerden mit ein bißchen Moral und Medizin und Psychologie und Ästhetik, mit ein bißchen fortschrittlicher Politik und von Zeit zu Zeit mit einer unerhört neuen Philosophie zu Leibe gehen zu können meint.
Mit den geistlichen Autoritäten von damals teilt Barth die Sorge, dass man hier etwas übersieht und verdrängt. Doch sehr viel energischer als sie stemmt er sich zugleich gegen die Sogwirkung der genau entgegen gesetzten Gefahr, dass man sich nämlich von diesem Bereich beeindrucken, faszinieren, ja in den Bann schlagen läßt.
Sprecher: Wüste Sachen soll man, wie real sie immer sein mögen, nicht zu lange anschauen, nicht zu genau studieren, nicht zu intensiv in sich aufnehmen.
Dafür, dass man das nicht tun soll, nennt Barth zwei Gründe:
Sprecher: Den Dämonen imponiert man damit nicht im Geringsten, wohl aber besteht dieringende Gefahr, daß man darüber selbst ein bißchen und vielleicht nicht einmal nur ein bißchen dämonisch werden kann.
Für oder besser gegen diesen dunklen Bereich, der in der Spannbreite von Anklägern und Tyrannen, von Klagegeister und Poltergeister sein Unwesen treibt, gibt Barth die Empfehlung aus: Weder wegblicken! Noch und erst recht nicht sich in den Anblick vertiefen. Sondern ein kurzer, scharfer Blick. Nicht mehr, nicht weniger. Die Macht der Finsternis tritt gerne mit dem Anspruch auf, das erste Wort zu haben und das letzte Wort zu behalten. Doch diesem Anspruch ist ein radikaler Unglaube entgegenzusetzen.
Sprecher: Der theologische Exorzismus muß ein Akt des im Glauben begründeten Unglaubens sein. Ich will dem Nichtigen keinen Glauben schenken. Es nicht für wahr halten. Ihm kein Wort glauben. Doch wie finde ich zu dieser Unterscheidung und der Sicherheit in meinem Urteil?
Als Christ habe ich die Bibel. Und hier lese ich bei Paulus im Römerbrief eine Stelle, die sich in der Übersetzung von Jörg Zink so anhört:
Sprecher: Ist der Fall denkbar, dass die Liebe, die zwischen Gott brennt und mir, verlöscht?
Ich kann in Angst versinken. Ich kann in eine Enge geraten, in der kein Raum ist. Ich kann verleumdet und verfolgt werden. Es mag sein, ... dass ich in Lebensgefahr gerate.
Doch dies alles bedroht mich nicht. Ich habe einen, der mich liebt. Mit ihm zusammen ist mir der Sieg sicher.
Denn eins ist ganz gewiß: Der Tod mag kommen, das Leben mag mir alle Mühe machen, es mag auch ganze Heere von Engeln und Teufeln geben, von denen ich nichts weiß, oder Mächte, die man den Zufall nennt oder das blinde Schicksal. Es mögen Katastrophen über die Welt kommen, heute oder morgen. Es mag auch in der Höhe oder in der Tiefe Gestirne geben, die meinen Schritt lenken und meinen Weg vorzeichnen. Aber sie sind alle von Gott gemacht. Sie alle sind geringer als Gott.
Sie können viel tun. Aber sie können mich nicht trennen von der Liebe Gottes, die ich in Christus finde, meinem Herrn.
Musik
Paulus spricht hier von einem Sieg der Liebe Gottes. Aber er verschweigt nicht, dass inmitten der guten Schöpfung ein Fremdkörper auf dem Plan ist, eine Schattenseite, ein dunkles Geheimnis. Da ist inmitten des Weltgeschehens ein Element am Werk, das gerade da stört und entzweit, wo ich mich diametral entgegengesetzt nach Harmonie sehne, nach Frieden und Zusammenhalt. .
Für Paulus ist Jesus Christus ein Licht, das deshalb so strahlend leuchtet, weil es aus der Finsternis hervorbricht. Im Licht dieser Liebe zeigt sich für mich das Angebot von etwas etwas Unverbrüchlichem, das mir auch dann eine Perspektive aufzeigt, wenn mein Ich, mein Du, mein Wir sich in Dunkelheit gehüllt sieht. In den Schwellensituationen meines Lebens. Und auch sonst. Paulus sagt: Nichts kann mich trennen von der Liebe Gottes, die ich in Christus finde, meinem Herrn.
Es verabschiedet sich von Ihnen Roland Hosselmann, evangelischer Pfarrer in Lippstadt.
Musik
Vom Nichtigen
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