Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.11.08, Pfarrerin Petra Schulze

Heilige

Heilige sind auch Menschen - Menschen sind auch Heilige. Liebende sind es alle miteinander, las ich kürzlich.

Am 12. Oktober wurde in Rom die erste Schweizerin heilig gesprochen. Es ist Maria Bernarda. 1848 als Verena Bütler geboren, wandert sie vierzig Jahre später nach Ecuador aus und gründet die Kongregation der "Franziskaner Missionsschwestern Maria-Hilf".  Sie und ihre Mitschwestern pflegen Kranke, sind in Schulen und Sozialeinrichtungen tätig. Maria Bernarda Bütler tut etwas für die Alphabetisierung und Bildung. Von Zeitgenossen wird sie als Frau von großer Liebe zu den Armen beschrieben. 

Ich bewundere Menschen wie Maria Bernarda und mit ihr die vielen anderen, die aus dem Glauben heraus mutige Schritte gehen und die Welt verändern. Heilige – das sind für die evangelischen Christinnen und Christen Vorbilder des Glaubens.

Das Wort Vorbild besteht aus zwei Wortteilen – „vor“ und „Bild“. Das heißt, ich habe ein Bild vor mir, ein Modell, an dem ich mich und mein Verhalten ausrichten möchte. Ich spüre: Ja, genau das, sind Möglichkeiten und Fähigkeiten, die ich vielleicht auch in mir entfalten könnte. Solche Vorbilder gab es schon in biblischer Zeit:

Dort heißt es zum Beispiel: „Ihr seid nicht allein! Ihr seid umgeben von einer Wolke von Zeugen, von Glaubensvorbildern!“ (nach Hebräer 12,1-3)

Zu dieser Wolke von Zeugen, gehören viele große biblische Gestalten. Doch heilig können nicht nur die Helden der Geschichte sein, sondern  jeder Mensch, der in Verbindung mit Gott lebt. Deshalb nennt der Apostel Paulus in seinen Briefen die Gläubigen oft „Heilige“. Heilige sind lebende oder bereits verstorbene Menschen, die den Glanz Gottes verbreiten, durch die Gott hindurch leuchtet.

So wie durch Gabriele. Gabriele hat das Down-Syndrom. Abstraktes Denken liegt ihr nicht. Sie erlebt alles unmittelbar, direkt, konkret. Sie malt Bilder für ihren Arzt. Zum Beispiel einen Engel. Sie schreibt dazu: „Lieber Herr Professor Wunderlich! … Ich schicke dir meinen Patron. Es ist der strahlende Engel Gabriel. Er soll dich beschützen, dass keine Lawine zu dir hinstürzt. … Schöne Grüße von Gabi.“

Für Gabi ist klar: Es gibt Engel, die sie mit ihrem Strahlen und ihrer Freundlichkeit umgeben. Bei Reisen mit ihren Eltern nach Italien hat sie Engeldarstellungen gesehen. Doch sie kopiert nicht einfach, was sie gesehen hat, sondern erfasst intuitiv und neu die Glaubenswahrheit. Gabrieles Engel-Gabriel lächelt freundlich aus dem Bild. Die Welt um ihn herum ist in Gold und Orange getaucht. Er steht auf frischem Grün – der Farbe des Wachstums und der Hoffnung. Er weist den Weg nach links – zur Seite des Herzens, zur Seite des Unbewussten. Aufmunternd weist er so den Betrachtenden den Weg nach innen, wo der Glaube schlummert, wo die Hoffnung darauf wartet, geweckt zu werden.

Gabrieles Eltern meinen: „In Gabis Welt sind die Gedanken reiner, die Bewertungen treffender, die Farben und Gefühle herzlicher als in der unsrigen. Sie lässt mehr Weisheit, Menschlichkeit und Liebe auf uns überströmen, als wir ihr schenken konnten. Wir sind für sie da. Gabi hat uns reich gemacht.“ Gabi selbst beschreibt sich als „Himmelsleiterin“ ihrer Eltern. Ein Mädchen, eine junge Frau mit Behinderung als Glaubens-Vorbild. Mit ihren Bildern, die auch veröffentlicht wurden , gibt sie der Hoffnung Auftrieb und entzündet manches Herz zu Gott. Heilige sind auch Menschen - Menschen sind auch Heilige. Liebende sind es alle miteinander.  

Audiobeitrag Heilige


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