Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.11.08, Pfarrerin Petra Schulze

Aufbruch mit 70 - Du stellst meine Füße auf weiten Raum (Psalm 31)

Die enge Holztreppe im dunklen Altbautreppenhaus scheint kein Ende zu nehmen. Da, ganz oben Licht und eine Gestalt in der Tür. Die Frau ist überrascht. Sie kennt mich nicht.

Nachdem ich mich ihr vorgestellt habe, sagt sie: „Ach, Frau Pfarrerin, da freue ich mich aber, dass Sie mich besuchen.“ – und bittet mich herein. Heute ist ihr Geburtstag. Der siebzigste. Wir sitzen am Tisch in ihrer kleinen Küche. Die Tür zum Wohnzimmer ist halb geöffnet. Der Fernseher läuft. Ziemlich laut. „Da drüben sitzt mein Mann“, erklärt sie. In ihrem hellgelben Pullover und dem Kurzhaarschnitt sieht sie viel jünger aus als siebzig. Und da fängt sie auch schon an, zu erzählen. Dass ihr gar nicht nach Feiern zumute ist. Dass ihr Leben sehr schwer war. Sie erzählt von Krankheiten und Entbehrungen und vor allem von der Hölle, zu der sich ihre Ehe entwickelt hat.

Nebenan läuft weiter der Fernseher, der Mann rührt sich nicht. „Ich will doch nur noch ein paar schöne Jahre“, klagt sie leise. „Hier bin ich eingesperrt. Er erlaubt mir nichts. Ich kann keine Freundinnen einladen, ich kann nicht mit ihnen und ihren Männern wegfahren. Er will nicht mehr mit und dann darf ich auch nicht. Er war immer schon sparsam, aber jetzt schreit er mich sogar an, wenn ich die Kartoffeln unter laufendem Wasser wasche. Stellen Sie sich vor – nur wegen ein paar Kartoffeln und der paar Tropfen Wasser. Ich halte das nicht mehr aus. Ich habe vielleicht nicht mehr sehr lange zu leben, so krank wie ich bin. Ich will nur noch ein paar schöne Jahre.“ Ein trauriger Geburtstag. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick ist es der Aufbruch in ein neues Leben. Denn einige Tage nach diesem Besuch kommt alles ins Rollen. Ihre Kinder helfen ihr, eine Wohnung in der Nähe zu finden. Erster Stock, helles Treppenhaus, Balkon, Einkaufsmöglichkeiten um die Ecke. In einer Beratungsstelle findet sie Hilfe durch den Dschungel der Bürokratie. Gott, so sagt sie, findet sie nicht in der Kirche. Eher in der Natur. Und dahin bricht sie jetzt auch auf. Sie lädt ihre Freundinnen zum Kaffee ein und nimmt an Ausflügen teil. Regelmäßig sieht sie bei ihrem Mann nach dem Rechten. Leicht fällt ihr das alles nicht. Sie hat ein schlechtes Gewissen. Darf es ihr gut gehen, während ihr Mann leidet? „Aber scheiden lasse ich mich nicht“, sagt sie. „Das bringe ich nicht übers Herz. Versprochen ist versprochen.“

Bei ihrem Mann ist Parkinson diagnostiziert worden. Einige Monate später liegt er im Krankenhaus, danach zieht er in ein Pflegeheim. Auch hier besucht sie ihn.

Sie ist treu. Ihm, aber nun auch endlich sich selbst. Dazu ist es nie zu spät, lerne ich von ihr. Leicht ist es nicht. Man braucht andere, die einem helfen, den Neubeginn durchzuhalten, zu gestalten, das schlechte Gewissen immer wieder abzuschütteln, das einem die Freude verderben will. Sie hat die Wahrheit ausgesprochen, an ihrem siebzigsten Geburtstag. Wie ein Mensch vor langer Zeit, dessen Klage in der Bibel festgehalten ist: „Gott, mein Leben ist hingeschwunden in Kummer und meine Jahre in Seufzen.“ (Psalm 31,11). Und dann kommt alles ins Rollen. Kräfte wachsen ihr zu und Hilfe. So dass sie spüren kann: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Psalm 31,9b)

Audiobeitrag Aufbruch mit 70 - Du stellst meine Füße auf weiten Raum (Psalm 31)


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