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70 Jahre Reichspogromnacht
Es ist schon viele Jahre her. Da stand ich als Schülerin bei einer Studienfahrt im Konzentrationslager Mauthausen. Trotz aller Vorbereitung durch den Geschichtsunterricht:
Das unermessliche Leid der hier Gefolterten und Ermordeten, die erkalteten Öfen, die leeren Baracken mit den harten Pritschen, die Gaskammern, an deren Luken heute die Spinnweben wehen, all das flößte mir ein solches Grauen ein, dass ich lange nicht sprechen konnte. Denn wie eine eiskalte Hand legte sich mir die Gewissheit aufs Herz: Du wärest nicht mutig genug gewesen, zu widerstehen. Du hättest Drohungen vielleicht auch nachgegeben, um dein eigenes Leben zu retten. Du hättest eine Wärterin sein können. Ich, die ich im wahrsten Sinne des Wortes keiner Fliege was zu leide tun konnte, spürte plötzlich: Doch. Du könntest. Aus eigener Entscheidung, aus purem Egoismus. Das war eine Erschütterung, die auch heilsam war. Denn sie hat mich aufgeweckt und wachsam mir selbst gegenüber gemacht.
Heute erinnern wir uns an ein Ereignis in Paris vor siebzig Jahren, das Folgenschwer sein sollte: Der 17-jährige polnische Jude Herschel Grynszpan schoss auf den Legationssekretär Ernst vom Rath in der deutschen Botschaft in Paris. Diese Tat war sein Protest gegen die Deportation seiner Familie nach Polen. Herschel wollte darauf aufmerksam machen, dass die deutschen Juden durch die Nationalsozialisten an Leib und Leben bedroht waren. Für die Nationalsozialisten war dies ein willkommener Anlass zur weiteren Hetze gegen die Juden. Wenige Tage später, in der Nacht zum 10. November kam es daraufhin zur so genannten "Reichspogromnacht". In dieser Nacht brannten die Synagogen und die Feuerwehr stand daneben und schützte nur die Nachbarhäuser. Geschäfte der Juden wurden zerstört und geplündert, viele jüdische Männer und Frauen verhaftet, misshandelt, getötet, in Konzentrationslager verschleppt. Der Weitergang der Geschichte ist bekannt. 70 Jahre ist das her. Manche meinen, es wäre an der Zeit, das alles zu vergessen. Das Vergessen aber ist ein gefährliches Gift. Die polnische Dichterin Wislawa Szymborska schreibt:
Sprecher: Nach jedem Krieg muß jemand aufräumen Leidliche Ordnung kommt doch nicht von allein..
Jemand muß durch Asche und Schlamm, Sprungfedern und Glassplitter, blutige Lumpen hindurch.
. Hübsch ist das nicht, und es dauert Jahre. Die Kameras sind bereits abgereist in einen anderen Krieg. ...
Jemand, mit dem Besen in der Hand, erinnert sich noch, wie es war. Jemand hört zu und nickt mit dem nicht geköpften Kopf. Aber ganz in der Nähe schon treiben sich welche herum, die das langweilig finden.
Manchmal buddelt einer unterm Strauch durchgerostete Argumente aus und wirft sie zum Müll.
Diejenigen, die wußten, worum es hier ging, machen denen Platz, die wenig wissen. Weniger noch als wenig. Und schließlich so gut wie nichts.
Im Gras, das über Ursachen und Folgen wächst, muß jemand ausgestreckt liegen, einen Halm zwischen den Zähnen, und in die Wolken starrn.
Ich möchte mir in diesen stillen Novembertagen Zeit dafür nehmen, in die Wolken zu starr´n. Und wieder zu empfinden. Zu erinnern, lebendig zu vergegenwärtigen, was nicht verloren gehen darf. Damit ich sagen kann, wenn es darauf ankommt: Das KANN ich nicht tun! Da mache ich nicht mit!
70 Jahre Reichspogromnacht
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