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Martin von Tours und die DDR
Wir sind ein kleiner Kreis im Salon. Eine Frau aus Köln, die zwei Friseurinnen, der Lehrling und ich. Es ist der 11. November 2007, ein grauer Herbsttag in Ost-Berlin.
Viele, die hier aufgewachsen sind, haben kaum Berührung mit christlichen Traditionen. Religion wurde schon rein sprachlich verbannt. Man kennt ja den witzigen Ausdruck geflügelte Jahresendfigur oder Jahresendflügelfigur als angebliches DDR-Ersatzwort für Weihnachtsengel. Auf Engel wollte man nicht verzichten und Laternenumzüge auch nicht. Nadine, die Friseurin, erzählt, dass sie gleich ihre Tochter von der Kita abholt. Wir gehen zum Laternenumzug in den Volkspark, freut sie sich. Da bin ich schon als Kind mit meiner selbst gebastelten Laterne durchgelaufen. - Ach ja, wir haben ja heute Sankt Martin, sage ich. Ja, aber so hieß das bei uns nicht, sagt Nadine. Da gibts übrigens auch ´ne tolle Geschichte zu, die kennste bestimmt als Pfarrerin. Die Kleene hat die jetzt in der Kita gehört. Ich kannte die gar nich. Von dem Mann, der seinen Mantel teilt. Wie, sage ich. die hast du vorher noch nie gehört? Nee. Ist aber ne gute Geschichte. Ist was für die Kinder. Da können die sich dann ´ne Scheibe von abschneiden. Und was habt ihr dann damals gesungen?, frage ich verwundert. Bei uns gab es ein Lied:
Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind, sein Ross, das trug ihn fort geschwind.
Und bei uns gab es immer einen `echten` Sankt Martin mit einem weißen Mantel auf einem wunderschönen Pferd. Alle wollten wir neben dem Pferd herlaufen. Ich habe mir immer vorgestellt, dass ich mal auf so einem Pferd reite und genauso heilig werde wie Sankt Martin. Denn heilig, das war er ganz bestimmt. Ein richtig guter Mensch eben, der den Armen und Traurigen hilft, das war für mich als Kind ein Heiliger. Nee, bei uns gab es Marschmusik. Und zu der sind wir dann durch den Park gezogen, klingt es nüchtern zurück. Wir schweigen.
Zu einem Fest gehört immer auch ein bisschen Geheimnis, ein Glanz, etwas, das über den Alltag hinausreicht. Das Licht gehört dazu. Die Musik. Es kann aber noch mehr sein. Natürlich wussten wir als Kinder schon, dass Sankt Martin ein Mann von heute ist, der sich verkleidet hat .Und doch war es so, als sei der Heilige Martin selbst anwesend. Nicht umsonst erfreuen sich Mysterienspiele wie die Passionsspiele bis heute großer Beliebtheit.
In ihnen wird das Wunder des Glaubens, das damals geschah, heute lebendig. Übrigens war St. Martin damals, als er dem armen Bettler am Wegesrand die Hälfte seines Soldatenmantels schenkte, noch gar kein Christ. Das wurde er erst danach. Er bekam Besuch in seinen Träumen:
Sprecher: Sankt Martin liegt im tiefen Traum, da tritt der Bettler in den Raum. Sankt Martin sieht ein helles Licht, der Bettler zu Sankt Martin spricht
Sankt Martin hört des Bettlers Wort: Ich komm von einem andern Ort. Ich komm vom hohen Himmelszelt, ich bin der Herr von dieser Welt.
Martin begegnet Christus im Traum. Er lässt sich taufen. Verweigert den Kriegsdienst. Heute vor mehr als 1600 Jahren starb er bei Tours in Frankreich, wo er auch Bischof war. (08.11.397) Martin verstand es, Menschen zu begeistern. Durch sein Leben, seinen Glauben. So wie Nadines Tochter, die seine Geschichte an ihre Mutter weitergibt. Und die stößt das Gespräch hier im Salon an. Wir sind jetzt fünf, die sich an diesem Nachmittag mit der Martins-Geschichte beschäftigen und denen beim Anblick der Laternen gleich noch ein ganz anderes Licht aufgeht.
Martin von Tours und die DDR
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