Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.11.08, Christa Kirschbaum

Jesu, geh voran (eg 391)

Darf ich bitten, mein Herr? Ich möchte Sie zu einem Tänzchen einladen. Als Tanzmusik habe ich einen Choral ausgesucht:

Choral: 1. „Jesu geh voran / auf der Lebensbahn./
Und wir wollen nicht verweilen / dir getreulich nachzueilen./
Führ uns an der Hand /
bis ins Vaterland.“

Dieses beschwingte Lied ist der Modetanz des frühen 18. Jahrhunderts: eine Polonaise. Ursprünglich kommt er aus Polen – daher der Name – und wurde im geraden Takt geschritten; jetzt steht er im Dreivierteltakt und nimmt schon ein bisschen die Walzerseligkeit vorweg. Ich erkläre Ihnen kurz die Schrittfolge: Stellen Sie sich bitte neben mich und reichen Sie mir Ihre Hand. Im ersten Takt gehen wir drei Schritte vorwärts: rechter Fuß – linker Fuß – rechter Fuß. Im zweiten Takt machen wir den Wiegeschritt: linken Fuß aufsetzen – auf den rechten Fuß wiegen – auf den linken Fuß wiegen. Das wird immer wiederholt: rechts – links  - rechts – links – rechts wiegen - links wiegen. Rechts – links – rechts – links – rechts wiegen – links wiegen. Wir probieren das gleich einmal zur Musik aus:

Choral: „Jesu geh voran/auf der Lebensbahn./
Und wir wollen nicht verweilen/dir getreulich nachzueilen./
Führ uns an der Hand/bis ins Vaterland.“

Mein Tanzpartner schaut mich verwundert an. Ihm scheint es ein bisschen peinlich zu sein: Tanzen, auf einen Choral ? Das ist aber sehr gewagt! Und dann auch noch auf dieses ehrwürdige Kirchenlied? Das wird doch sonst immer bei Beerdigungen gesungen! Ja, ich weiß. Und die Gemeinde singt es viel zu langsam, sie gerät ins Schleppen und bringt dadurch den flotten Dreierrhythmus total durcheinander:

Choral („Gemeindefassung“): „Jesu geh voran / auf der Lebensbahn./     
Und wir wollen nicht verweilen / dir getreulich nachzueilen. /
Führ uns an der Hand / bis ins Vaterland.“

Vom ursprünglichen Schwung der Melodie ist nicht mehr viel zu erkennen. Dabei zeichnet sie so schön nach, was der Text beschreibt:

Sprecher:  Jesu, geh voran / auf der Lebensbahn. /     
Und wir wollen nicht verweilen, / dir getreulich nachzueilen; /
führ uns an der Hand / bis ins Vaterland.

Das ist doch eine wunderbare Idee: meine Lebensbahn nicht einfach. Nur abzuschreiten, sondern schwungvoll zu tanzen. Aber nicht planlos, sondern mit wohlgesetzten Schritten. Und Jesus ist der Tanzmeister, der diesen Reigen anführt. Er kennt den Schritt, ich trete in seine Fußstapfen.

Haben Sie die Tanzfolge behalten ? Schritt – Schritt – Schritt, Wiegen – Wiegen - Wiegen , Schritt – Schritt – Schritt – Wiegen – Wiegen - Wiegen. Dieser Wechsel von Vorwärtsstreben und Innehalten fasziniert mich. Im übertragenen Sinne könnte das eine Anleitung zum christlichen Leben sein:

Choral:  „Soll’s uns hart ergehn, / lass uns feste stehn /    
 und auch in den schwersten Tagen / niemals über Lasten klagen;/
denn durch Trübsal hier / geht der Weg zu dir.“

Mein Tanzpartner bittet um eine kurze Verschnaufpause. Gern, dann erzähle ich Ihnen etwas über die Entstehung des Chorals.Nikolaus Graf von Zinzendorf, der Dichter des Liedes, steht selbst am Scheideweg, als er diesen Text verfasste. 1721 ist er volljährig geworden. Nun muss er sich entscheiden: Soll er in den Staatsdienst gehen, wie es von einem jungen Grafen aus dem Hochadel erwartet wird? Oder soll er lieber seiner Berufung folgen und endlich die geistliche Gemeinschaft gründen, die ihm seit Studienzeiten vorschwebt? Wie haben ihn schon als Student die gehässigen Streitereien zwischen den Streng-Lutherischen in Wittenberg und den Pietisten in Halle belastet ! Er will vermitteln und versöhnen, nimmt sogar Kontakt zu den orthodoxen Kirchen im Morgenland auf. Später, während seines Studiums in Utrecht, pflegt er Verbindungen zu reformierten Kreisen.

Sprecher:  Das machte, das ich mich von der Zeit an bemühte, das Beste in allen Religionen zu entdecken.

Auf einer Bildungsreise nach Paris begegnet der junge protestantische Graf dem mächtigen katholischen Kardinal-Erzbischof von Frankreich, dem siebzigjährigen Louis Antoine de Noailles.

Gegenseitige Bekehrungsversuche scheitern zwar schnell, aber im Gedanken der christlichen Mystik treffen sich die beiden und begründen eine tiefe Freundschaft. Der Kardinal wird später Taufpate bei Zinzendorfs erstem Sohn.

Könnte es nicht möglich sein, als Christengemeinde in ökumenischer Weite verbindlich miteinander zu leben? Ein Jahr später erwirbt Zinzendorf von seiner Großmutter das Gut Berthelsdorf in der Nähe der schlesischen Grenze. Sein Lebensunterhalt ist nun gesichert, nur halbherzig arbeitet er noch für die kursächsische Regierung. Mit Eifer geht er daran, die Menschen in seiner Umgebung geistlich wachzurütteln. Unkonventionelle Gottesdienste werden in Berthelsdorf gefeiert: der Graf selbst setzt sich vor den Altar und motiviert die Gemeinde zu spontanen Gesprächen über die biblischen Texte. Dieses Gottesdienstgespräch mündet in ein gemeinsames Singen, Zinzendorf überrascht die Versammlung mit improvisierten Liedern. Einem Freund schreibt er zum Geburtstag:

Sprecher: Christum lieben ist die Kette, /      
so die Freundschaft feste macht; /
Liebt man Christum um die Wette, /
wird der Lauf mit Lust vollbracht. /
Jesus, unser höchster Schatz, /
hält auf dieser Bahn den Platz, /
und am abgemessnen Ende /
laufen wir in seine Hände.

Da kommt eine unverhoffte Anfrage: Ob der Graf Glaubensflüchtlingen aus Mähren Asyl gewähren könne? Auf Schleichwegen werden die Exulanten über die scharf bewachte böhmische Grenze geschleust. Eine Siedlung entsteht, eine Wegstunde vom gräflichen Schloss entfernt. Diese Siedlung, „Herrnhut“ genannt, wird zur Keimzelle für die weltweite Brüdergemeine.

Choral: „Rühret eigner Schmerz / irgend unser Herz, /    
kümmert uns ein fremdes Leiden/ o so gib Geduld zu beiden; /
richte unsern Sinn/ auf das Ende hin.“

Lieber Tanzpartner, nun zeige ich Ihnen noch eine Schrittvariante: Stellen Sie sich bitte rechts von mir auf und reichen Sie mir Ihre linke Hand. Jetzt beginnen wir unsere Schrittfolge beide mit dem äußeren Fuß, Sie wieder mit dem rechten, ich aber mit dem linken: Schritt – Schritt – Schritt. Wenn dann im nächsten Takt die Wiegeschritte kommen, bewegen  wir uns aufeinander zu und wieder voneinander weg.

Auch das könnte eine Spielart der christlichen Existenz sein: der Abstand zwischen uns ist mal enger, mal weiter – aber wir halten auf jeden Fall unsere Verbindung. Lassen Sie uns die letzte Strophe auch noch tanzen: Schritt – Schritt – Schritt – Wiegen – Wiegen – Wiegen, Schritt – Schritt – Schritt – Wiegen – Wiegen – Wiegen:

Choral: „ Ordne unsern Gang, / Jesu, lebenslang. /    
Führst du uns durch raue Wege, / gib uns auch die nöt’ge Pflege; /
tu uns nach dem Lauf / deine Türe auf.“

Das war Kirche in WDR 3 mit Christa Kirschbaum aus Lippstadt über den Choral “ Jesu, geh voran auf der Lebensbahn“ Es sangen die Lippstädter Vokalisten unter der Leitung von Christa Kirschbaum.


 

Audiobeitrag Jesu, geh voran (eg 391)


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