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Eingegangen in die ewigen Jagdgründe
Autorin: Wie er dazu kam, Todesanzeigen zu sammeln, weiß Helmut Ruppert noch genau. Ruppert 1: Ja, vor 37 Jahren fand ich in der Tageszeitung die Welt eine Todesanzeige
von dem früheren Generalfeldmarschall Milch und die fand ich also so skurril, dass ich die ausgeschnitten habe. Da stand nämlich drin: Erhard Milch, Generalfeldmarschall a.D., meldet sich ab. Und dann kann man ja eigentlich nur sagen: Danke, abtreten. Das war die erste.
Autorin: Auch die zweite fiel aus dem Rahmen und ist aus heutiger Sicht eine Rarität; ein Hinterbliebener charakterisiert seinen Schwiegervater im Nachruf als Personifizierung geistigen Hochmuts und menschlichen Versagens. Doch es gab noch einen dritten Anstoß: eine Begegnung.
Ruppert: Es gab in Berlin einen Abend, wo ich einen Geistlichen traf, Pater Vincenz, Institution in Berlin, ja und ich wollte den Mann doch mal kennen lernen und bat ihn um seine Visitenkarte. Was drückt der mir in die Hand? Seinen Totenzettel. Ich sage: Aber Moment mal, Pater Vincenz, Sie sind doch noch höchst lebendig. Ja, sagt er, wissen Sie das hat einen Grund; es wird nirgendwo soviel gelogen wie in Nachrufen und Todesanzeigen und deshalb habe ich lieber meinen Totenzettel selbst geschrieben und benutze ihn auch als Visitenkarte.
Autorin: Nirgends wird soviel gelogen wie in Todesanzeigen, meint auch der Theologe und Redakteur Helmut Ruppert. Dennoch bieten sie einen Fundus an Informationen, wenn man es versteht, auch zwischen den Zeilen zu lesen.Manchmal findet er auch das aussagekräftig, was gerade nicht in den Anzeigen steht. Ruppert: Ja, das ist interessant, ich habe das genannt, der totgeschwiegene Tod. Also viele scheuen sich ganz klar zu sagen da ist ein Mensch gestorben. Diese klare Aussage, die versuchen viele zu umgehen, in dem sie noch so tun, als ob das Sterben etwas sehr aktives sei. Das geht dann in so schöne Bilder, er ist aufgebrochen zu seinem letzten Segeltörn, er hat seine letzte Wanderung angetreten, aber wenn man dahinter schaut sieht man, es ist in Wirklichkeit doch der gleiche Vorgang, ob man ihn nun klar ausdrückt oder ob man ihn beschönigt. Und ich denke, da ist es ehrlicher, man drückt ihn klar aus, und bittet vielleicht, wenn der Mensch gläubig ist, um ein Andenken, um ein Gebet, aktiv kann man da nichts mehr bewegen.
Autorin: Die Besonderheiten religiöser Aussagen stellt Ruppert anhand von Anzeigen mit muslimischer, buddhistischer, jüdischer oder christlicher Prägung heraus. Ein Ergebnis: Christliche Bekenntnisse sind seltener geworden, aber auch individueller. Wie eines, das im Dialekt verfasst ist.
Ruppert: Der eene hat en Schückelpeerd, ein Schaukelpferd, der andere hat en Schimmel, doch wat am eng man wirklich hät, entscheidet sich im Himmel, also man soll den Protz, den man vielleicht auf der Erde gepflegt hat, vergessen. Die Frage, was hast du wirklich aus deinem Leben gemacht, die stellt sich später, die wird sich dann einmal vor Gott stellen. Autorin: Eine Menge Kurioses ist dem Redakteur in all den Jahren begegnet, ebenso wie tiefgläubige oder kindlich-naive Vorstellungen. Doch bewerten will er nichts. Auch wenn der Tod für den gläubigen Menschen seinen Schrecken verloren habe, sei der Verlust eines Angehörigen für die Familie eine Krise, manchmal eine Katastrophe. Klar über den Tod nachdenken könne man nur im Leben, meint der Theologe. Dann könne eine selbstverfasste Anzeige zur ganz persönliche Glaubensbekundung werden. Wie die eines Unternehmers
Ruppert: der also seiner Nachwelt zunächst mal mitteilt, dass er gestorben sei und dann fragt er. Ich wurde im Leben soviel beneidet, jetzt bin ich tot, ihr lebt, wer beneidet mich jetzt noch? Und dann zum Schluss bittet er den Tag seiner Beerdigung als einen frohen Tag mit seinem Begängnis im Mittelpunkt zu feiern, weil er jetzt bei Gott sei. Und das ist natürlich ein ganz klares christliches Bekenntnis.
Eingegangen in die ewigen Jagdgründe
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