| |
Rache weltweit - Meinungsbeitrag -
Man kann es. Männer tun es. Frauen auch. Sich anonym rächen. Im Internet kein Problem. Leider.
Eine amerikanische Internetseite bietet weltweit den Nutzern die Möglichkeit, sich über Nachbarn, Exfreunde, Lehrer, - wen auch immer zu beschweren, sie zu beleidigen, ihnen alles Mögliche zu unterstellen. Mit einem Foto oder Video von ihnen, Adresse und Name. Bei dem Ganzen bleibt der Nutzer, der Verleumder, der Rächer, anonym, das Opfer wird weltweit bloßgestellt.
Die Opfer digitaler Gewalt sind in der Regel hilflos und völlig überrascht. Es scheint ein neuer trauriger Trend zu sein, vor allem junge Frauen mit Nacktfotos zu erpressen, sagt Angela Wagner von der Beratungsstelle Frauennotruf in Frankfurt. Eine gescheiterte Beziehung, oder der Versuch die Trennung zu verhindern, sei oft der Auslöser für diese Form der Erpressung. Rufmord und Mobbing im Internet: Beschimpfungen des Nachbarn, Hetzkampangen gegen den Chef, Lehrer, oder Kollegen, ständig gibt es neue Hassseiten im Internet.
Und die Strafverfolgung ist äußerst schwierig. Eine zentrale Anlaufstelle an die sich die Opfer wenden können, gibt es bei der Polizei noch nicht. Und: das Internet vergisst nicht. Was einmal dort eingestellt wurde, ob Beschimpfung, Bild oder Video, kann von anonymen Nutzern lokal gespeichert und weiterverbreitet werden. Da hilft dann auch kein Löschen durch den Verursacher.
Klar: gelästert wird, seit es Menschen gibt. Und der Wunsch sich zu rächen, wenn einem Übel mitgespielt wurde, ist leicht zu verstehen und gehört sozusagen zum innerbetrieblichen Gerechtigkeitsausgleich. Wer Wut und Rachegelüste auf Dauer leugnet, kehrt sie notwendigerweise gegen sich und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann krank. Nur: das rechtfertigt eben nicht, jede Kränkung, jede Rachephantasie in die Tat umzusetzten. Schon gar nicht anonym. Das ist einfach feige.
Gelebte Rache hat allerdings auch für den Rächer oder die Rächerin einen Preis: Die Bindung zum Objekt der Kränkung, Wut oder Enttäuschung - also zu dem, der den Wunsch nach Rache auslöst wird stärker, nicht schwächer. Man bleibt im Raum der Kränkung. Und gelebte Rache ist nicht die Tür. Ausgesprochene Wut und Ohnmacht, ausgedrückte Rachephantasien, dagegen können das Tor sein, das den Weg in eine neue Freiheit eröffnet.
Ich weiß, das ist oft schwer und erfordert viel Mut. Es hilft nicht zu leugnen: Rachegefühle gehören dazu. Aber es ist eben ein Unterschied, ob sie mutig ausgesprochen oder feige und anonym in Netz gestellt werden Das eine führt in die Gefangenschaft. Das andere in die Freiheit. Weltweit.
Rache weltweit - Meinungsbeitrag -
|