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"Wachet auf!"
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!
Liebe Gemeinde! Wenn meine kleine Tochter oft noch zu nachtschlafender Zeit an meinem Bett steht und mit entsprechender Lautstärke ruft: Wach auf, Mama! dann ist das nicht sehr angenehm. . Manchmal kommt noch rütteln und schütteln dazu. Nein, geweckt und wachgerüttelt zu werden da muss man erst lernen, dass das auch was Gutes sein kann. Denn dann beginnt ja meist etwas Neues und nicht nur ein neuer Tag. Ein neuer Anfang z.B., eine neue Chance. Etwas, das wir möglicherweise sonst verschlafen und gar nicht wahrgenommen hätten.
Wachet auf das ist auch der Weckruf, der sich durch die frohe Botschaft Gottes zieht. Und dieser Weckruf begleitet uns ja auch durch unseren Gottesdienst.
Wachet auf dieser Ruf will aufrütteln und aufmerksam machen, er will in Bewegung bringen und verändern! Zwei Mitglieder unserer Gemeinde haben erzählt, was passieren kann, wenn wir uns auf die biblische Botschaft einlassen, wie ein solcher Weckruf ihr Leben bestimmt und sie zum Handeln führt. Und wer einmal diesen Weckruf gehört hat, weiß: Es gibt keine Alternative zur frohen Botschaft des Evangeliums, wenn mein Leben gelingen soll; es gibt keine Alternative zur grenzenlosen Liebe Gottes, keine Alternative zu Gerechtigkeit, die Fülle für alle verspricht, zur Vergebung, die uns einfach so ohne Verdienst geschenkt wird.
Der Zauber eines neuen Anfangs der von der biblischen Botschaft ausgeht, lässt Menschen nicht los. Und so bewegt uns die Bibel durch ihre Verheißungen und Bilder sie bildet uns. Sie schafft Hoffnungsbilder, die unseren Alltag mit seinen vielen Zerrbildern weit übersteigen. Wer erst einmal mit diesen Bildern in der Seele lebt, mit Bildern von Blinden, die sehen, Lahmen, die gehen, von Armen, denen Gerechtigkeit widerfährt, mit Bildern von geheiltem, heilem Leben, der wacht auf! Wer glaubt, dass der Bräutigam kommt, wie wir es im Choral von Philipp Nicolai gehört haben, der findet sich nicht ab mit einer Welt, in der Vieles noch so ganz anders ist. Der wird sich gerne vom Weckruf des Evangeliums aufrütteln lassen.
Wir haben gehört, wie sich Menschen aus ihrem Glauben heraus weltweit für Heil und Heilung einsetzten, dafür, dass nicht alles so bleiben muss, wie es ist. Millionen Menschen können zum Beispiel geheilt werden, wenn Geld für medizinische Hilfe und Medikamente bereitgestellt wird. Glaubwürdiges, waches Leben, aufgeweckt durch die frohe Botschaft vom heilbringenden Gott. Wachet auf! viele von uns verbindet sicher die Sehnsucht auch nach einer wachen Kirche, nach vielen Menschen, die aus ihrem Glauben heraus kritisch und aufmerksam das Geschehen innerhalb und außerhalb der Kirche begleiten.
Am 31. Oktober, also in wenigen Tagen, begehen wir Christen den Reformationstag Erneuerung der Kirche durch den Weckruf Martin Luthers, seinen Thesenaschlag am Vorabend des Allerheiligenfestes 1517.. Ein Ruf zu einer wachen Kirche, die sich ihres Fundamentes bewusst ist.( Mit der jüngst eröffneten Lutherdekade bereitet sich die Evangelische Kirche in Deutschland auf das große Reformationsjubiläum 2017 vor). Martin Luther hat durch seine Rückbesinnung auf die Heilige Schrift bleibende Wahrheiten erkannt und neu in den Mittelpunkt gestellt. Diese Wahrheiten sollen auch heute aufwecken zu wacher, verantwortlicher Zeitgenossenschaft. Der Bibeltext, der der heutigen Predigt zugrunde liegt sind zwei Verse aus dem Philipperbrief. Auch der Apostel Paulus hat persönlich und durch seine Briefe die frühen Gemeinden durch die Verkündigung des menschgewordenen Gottes trösten, aber auch zu angemessenem Verhalten bewegen wollen.
Ich lese aus Philipper 2: Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ists der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.
Liebe Gemeinde, aufgeweckt zu werden durch die Frohe Botschaft, durch das Evangelium das ist keine Sache, die neben vielem anderen auch noch ganz interessant ist, nein: es geht um den Grund unseres Lebens, darum, wie der Mensch selig wird, wie er glücklich wird, Heil für seine Seele erlangt.
Nun ist das mit dem Glücklich-Sein ja so eine Sache. Wir tun viel dafür, um glücklich zu sein. Zuallererst scheint Geld und Erfolg glücklich zu machen das zumindest suggeriert uns die Werbung. Aber gucken wir uns mal so einige reiche Gestalten an, dann wird schnell klar, dass das so nicht stimmt. Die Bekenntnisse von so machen Prominenten zeugen nicht gerade davon, dass diese Menschen nun in ihrer tiefsten Seele glücklich wären. Und wie sehr Geld und Gier das angebliche Glück, mehr noch unsere ganze Welt, erschüttern können, erleben wir in diesen Tagen.
Liebe, ja die kann glücklich, selig machen, aber auch da wissen wir alle, wie schnell dieser rosarote Luftballon platzen kann. Alles, was wir machen können, bringt uns der ersehnten Seligkeit nicht näher.
Und nun sagt Paulus: Schaffet, dass ihr selig werdet auf den ersten Blick klingt das erneut nach großem Druck. Nun sind wir also doch wieder gefordert, irgendetwas aus eigener Kraft für unser Glück zu tun. Das aber klingt doch sehr unevangelisch! Die reformatorische Erkenntnis Martin Luthers war es doch, die von diesem Druck befreit hat! Mit unsre Macht ist nichts getan - Luther hat mit Besinnung auf das Evangelium und dabei besonders auf Paulus immer wieder betont: Wir können das gerade nicht schaffen, wir können nichts, aber auch gar nichts beitragen zu unserem Selig-Werden. Gott rückt uns ins rechte Licht ohne unsere Anstrengung. Schaffet mit Furcht und Zittern das war Luther allerdings gut bekannt. Die Frage, wie er zum Fundament seines Lebens, zu einem gnädigen Gott kommt, hat ihn umgetrieben mit Furcht und Zittern, weil er gespürt hat: So sehr ich mich auch bemühe, ich kann das nicht schaffen.
Auch heute kann uns das Umtreiben, da ereilt uns Furcht und Zittern, wenn wir spüren, dass wir mit all unserer Kraft, mit aller Power, mit der wir versuchen, unser Leben selbst in den Griff zu kriegen, so machtlos sind. Wir können darum ringen, dass unser Leben Sinn macht, aber wir spüren: Wir können unser Leben nicht selbst erden, wir können keinen sicheren, festen Grund schaffen. Was aber können wir?
MUSIK
Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ists der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.
Liebe Gemeinde, mit diesen Worten an die Christen in Philippi weist uns der Apostel Paulus auf den Zuspruch und Anspruch des Evangeliums, die wie zwei Seiten einer Medaille zusammengehören.
Unser Glaube ist Geschenk. Niemals kann unser eigenes Schaffen zur Voraussetzung, zur Bedingung der eigenen Seligkeit werden. Wir können nur Ja sagen zu dem Angebot, dass Gott uns trägt und wir bei ihm geborgen sind. Wir vertrauen darauf, dass unser Leben gut ausgeht, weil es allein in Gottes Händen steht und er es gut meint und gut macht mit uns und seiner Welt.
Und doch sind wir durch die Worte des Paulus angesprochen als Menschen mit Verantwortung, Verantwortung für unser eigenes Leben und auch dafür, ob das Leben unserer Mitwelt in der Nähe und Ferne gelingt. Schaffet du, jede und jeder von uns hat die Möglichkeit, sein Leben zu gestalten. Wir sind keine unwichtigen Nummern, nein, wir alle, geliebte Gotteskinder, haben die Freiheit, mitzugestalten, daran mitzuwirken, wie das Leben dieser Welt aussieht. Wir glauben, dass Gott an unserer Seite ist, uns Kraft gibt, dass er es ist, der in uns beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen.
Schaffet, dass ihr selig werdet wen Jesus selig gepriesen hat, haben wir vorhin in der Lesung aus der Bergpredigt gehört. Erinnern wir uns noch einmal, was da alles genannt wird: Frieden stiften, Barmherzigkeit üben, sich für Gerechtigkeit einsetzten. Eine Welt, in der Krieg immer noch und in den letzten Jahren wieder verstärkt als probates Mittel der Politik angesehen wird, braucht Friedensstifter. Unsere Gesellschaft, in der die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander geht, braucht dringend solche, die sich für Gerechtigkeit einsetzten.
Die momentane Krise der Finanzmärkte macht einmal mehr die verheerenden Folgen von grenzenlosen Kapitalmärkten weltweit deutlich. Auch hier hat die Kirche mit ihrer Wächterfunktion an rechtes Maß und Gerechtigkeit zu erinnern.
Als wache Kirche begleiten wir in dieser Zeit u.a. auch aufmerksam alle Tendenzen, die den Lebensbeginn oder das Lebensende in die menschliche Verfügungsgewalt stellen. Die Würde, die Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen ist unabhängig davon, was er leistet oder kann. Es ist gut, dass beide großen Kirchen in Deutschland hier klar und deutlich Stellung beziehen. Zum Beispiel in der Frage der Sterbehilfe. Hier haben sich die Kirchen deutlich positioniert: Das Lebensende ist kein von Menschen zu bestimmender Zeitpunkt. Größtmögliche Begleitung, weitest gehende Linderung von Schmerzen, ja, aber keine aktive Sterbehilfe.
Mit diesem Votum nehmen die Kirchen ihre Aufgabe in der Gesellschaft wahr, wachsam die schleichende Aushöhlung noch geltender Gesetze in unserem Land zu begleiten.
Wach auf immer wieder spüren wir, wie wichtig, wie notwendig es ist, nicht zu dämmern, nicht zu verschlafen. Manchmal ist das in der Tat unbequem, sich aufrütteln zu lassen, es ist anstrengend, Augen und Ohren zu öffnen und Verantwortung zu übernehmen. Aber wenn wir das tun, merken wir, wie Neues beginnt. Jeder von uns, eine Kirche, die sich ihres Fundamentes bewusst ist, ein Fundament, dass gelegt ist in Jesus Christus, wirkt so segensreich in dieser Welt.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

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