Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.10.08, Pfarrer Jens Burgschweiger

Es hätte schlimmer kommen können

Sprecher: „Passiert einem in Deutschland etwas, versäumt man den Zug, bricht man ein Bein macht man Pleite, so sagen wir: Schlimmer hätte es es nicht kommen können;

immer ist das was passiert, gleich das Schlimmste – bei den Iren ist es fast umgekehrt: bricht man hier ein Bein, versäumt man den Zug, macht man Pleite, so sagen sie: It could be worse – es könnte schlimmer sein: man hätte sich statt des Beines den Hals brechen, statt des Zuges den Himmel versäumen und statt Pleite zu machen, hätte man seinen Seelenfrieden verlieren können, wozu bei einer Pleite durchaus kein Anlaß ist. Was passiert ist nie das Schlimmste, sondern das Schlimmere ist nie passiert...“.

Autor: Wenn es um Fröhlichkeit geht, - und zwar um Fröhlichkeit im eigentlichen Sinne des Wortes, nicht um eine wie immer geartete Lustigkeit, Bierseligkeit oder dergleichen,- wenn es also um Fröhlichkeit geht als Ausdruck jener begnadeten Art und Weise, das Leben mit heiterer Gelassenheit zu nehmen, so fällt mir stets Heinrich Bölls Irisches Tagebuch ein.

„It could be worse“ - „es hätte schlimmer kommen können“ - diese irische Redenart wird mir dabei zu einem geflügeltem Wort, von dem sich meine Seele gerne davontragen lassen möchte, wenn es sie wieder einmal hart trifft...  

Sprecher: „... stirbt einem die geliebte und hochverehrte Großmutter, so hätte ja auch noch der geliebte und verehrte Großvater sterben können; brennt der Hof ab, die Hühner aber werden gerettet, so hätten ja auch noch die Hühner verbrennen können, und verbrennen sie gar: nun – das Schlimmere: daß man selbst gestorben wäre, ist ja nicht passiert. Stirbt man gar, nun, so ist man aller Sorgen ledig, denn jedem reuigen Sünder steht der Himmel offen, das Ziel mühseliger irdischer Pilgerschaft – nach gebrochenen Beinen, versäumten Zügen, lebend überstandenen Pleiten verschiedener Art.“

Was mich fasziniert, ist nicht nur der Humor und die Fantasie, welche von den Iren in Bewegung gesetzt wird, wenn ein sogenannter Schicksalsschlag sie trifft.

Dahinter steckt ja tatsächlich mehr als jene oberflächliche „take it easy“ Mentalität, die ganz und gar nicht fröhlich macht, weil sie einfach mit einer Handbewegung über den Kummer hinweg geht.

Wer einem vom Schicksal gebeutelten sagt: „It could be worse“ - „es hätte schlimmer kommen können“, erspart sich ja nicht die Auseinandersetzung mit dem Leid des anderen. Er setzt es nur in Relation. Ins Verhältnis zum Schlimmeren – und ins Verhältnis zu Gott.

„Stirbt man gar, nun, so ist man aller Sorgen ledig, denn jedem reuigen Sünder steht der Himmel offen“ – auch wenn es  von Heinrich Böll etwas süffisant formuliert ist: Letztlich ist es der Glaube, der alles Schlimmere wieder ins Verhältnis setzt - weil es das Schlimmste nicht gibt: Am Ende wartet nicht der Tod, sondern das Leben, der offene Himmel.

Daher nimmt der Ire also seine Fröhlichkeit, mit der er allen Unbillen des Lebens begegnet – eine himmlische Fröhlichkeit sozusagen, die gelassen macht, weil der Glaube das Leben – wie den Tod - nicht toternst nimmt.   

Zitate aus: Heinrich Böll, Irisches Tagebuch, 47.durchgeseh.Aufl. München 1997, S. 114 (dtv 1090)

Audiobeitrag Es hätte schlimmer kommen können


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