Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.10.08, Pfarrer Traugott Vitz

Zum ewigen Frieden?

Da soll es mal in Holland ein Gasthaus gegeben haben, das hieß „Zum ewigen Frieden”. Auf dem Wirtshausschild war ein Kirchhof abgebildet. Der Philosoph Immanuel Kant

 hatte davon gehört und machte sich seine Gedanken: Soll das heißen, ewigen Frieden gibt es nur, wenn alle tot sind? Das ist doch sicher nicht ernst gemeint, sondern satirisch. Aber wenn es eine Satire ist, wer wird hier auf die Schippe genommen? alle Menschen überhaupt? oder die Staatsoberhäupter, die vom Krieg nie genug bekommen? oder die Philosophen, die von der Möglichkeit eines wirklichen, ewigen Friedens träumen?
Und dann setzte Immanuel Kant sich hin und schrieb seinerseits einen philosophischen Ent-wurf. Er nannte ihn „Zum ewigen Frieden”. Das war 1795. Er meinte es ernst.
Wie ernst meinen wir es mit dem Frieden? Sind wir ihm in den 213 Jahren seit Kant näher gekommen? Ich frage mich das wirklich. Mein Name ist Traugott Vitz; ich bin evangelischer Pfarrer in Hilden bei Düsseldorf.
Vielleicht wundern Sie sich, dass ich da ein Problem sehe. Ich bin jetzt 58, und es hat in Deutschland keinen Krieg gegeben, so lange ich lebe – ganz im Gegensatz zu der Lebenszeit meiner Eltern. Und was die von Steckrübenwinter und Bombennächten im Keller erzählt ha-ben, das müsste doch für mich Vergangenheit sein, erledigt, abgehakt?
Schon – aber es gibt ja auch über 6.000 deutsche Soldaten auf dem Balkan und in Afghanis-tan, um nur die größten Kontingente zu nennen. Und es gibt Tote. Dass es bei uns hier ruhig ist, bedeutet ja noch nicht, dass wir in einem rundum gesicherten Frieden lebten. Die Welt insgesamt hat keinen Frieden, und wir sind verwickelt, ob wir wollen oder nicht.
Sogar aus dem engen Bereich der Familie, aus dem Freundeskreis, kann jeder von Auseinan-dersetzungen berichten, von Positionskämpfen in der Firma, von Jugendlichen, die nur noch bewaffnet zur Schule gehen, von ekelhaften Vernichtungsfeldzügen zwischen in Scheidung lebenden Ex-Partnern. Auch im kleinen Maßstab kann also von Frieden, genau betrachtet, keine Rede sein.

Demnach hätten wir in gut 200 Jahren eigentlich nichts dazu gelernt. Dennoch glaube ich, dass wir hoffen dürfen.

--- Musik 1---
Will Martin,
CD: a new world
Track 2: Over the hills and far away

Autor:
Seit Immanuel Kant 1795 seinen philosophischen Entwurf „Zum ewigen Frieden” schrieb, ist eines in der Tat besser geworden: Man geht mit der Frage von Krieg und Frieden vorsichtiger um.

Undenkbar, dass ein Professor sich in einem Zeitungsartikel einen „frischen, fröhlichen Krieg” wünscht oder dass ein General öffentlich erklärt:


Zitatsprecher:
Der Frieden ist ein Traum, und nicht einmal ein schöner, und der Krieg ist ein Glied in Gottes Weltordnung.

Autor:
Beides ist vor etwa 150 Jahren noch geäußert worden. Heute sagt das keiner mehr. Aber da-bei sind wir keine Spur friedlicher geworden, wenn Sie mich fragen. Wir haben nur mehr Angst.

Denn weil die Waffen schrecklicher geworden sind, muss ihr Einsatz beschränkt werden. Krieg wird, wenn überhaupt, geplant wie eine chirurgische Operation: So wenig invasiv, so unblutig wie möglich. Möglichst im Einverständnis mit vielen, damit sie Ruhe halten und nicht ihrerseits eingreifen.

Der zweite Grund für die zunehmende Vorsicht besteht darin, dass die Welt kleiner geworden ist. Die Zeiten sind lange vorbei, dass ein Bürger, wie in Goethes „Faust”, sagen würde:

Zitatsprecher:
Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.

Autor:
Das war bei Goethe schon ironisch; heute ist es unmöglich. Die Türkei ist nicht mehr „hinten, weit”, sondern liegt um die Ecke, und Millionen Deutsche machen da Urlaub. Unser heutiges Stichwort Globalisierung betrifft nicht nur die Herstellung von Oberhemden, Autos und Fern-sehern, sondern auch die Wahrung des Friedens. Weil Kriege schrecklicher werden können, weil es möglich geworden ist, in Minutenschnelle ganze Kontinente zu verwüsten, deshalb ist Frieden wichtiger geworden, und die Herrscher greifen nicht mehr so schnell zur Waffe. Auch deshalb, weil sie keine erblichen Könige mehr sind, sondern gewählt werden wollen, und zwar von genau denen, die sonst mit Blut oder Geld für die Kriegführung zu zahlen hät-ten.
Unsere Lage heute hat sich also gegenüber Kants Zeiten eher verschärft: Wir sollen nicht nur Frieden halten, weil es das einzig Vernünftige ist – das hatte Kant nachzuweisen versucht –, sondern wir müssen Frieden halten, wenn wir überleben wollen.
Aber können wir das? Schließlich ist doch überall zu beobachten, dass Menschen sich ag-gressiv verhalten, im Kleinen wie im Großen. Wenn man wüsste, woran das liegt, könnte man das Übel ja vielleicht an der Wurzel packen – immer vorausgesetzt, es lässt sich packen und man kann es verändern.
Es gibt Forscher, die sich genau damit beschäftigen: Wo Aggressivität eigentlich herkommt. Sie werden immer dann gefragt, wenn mal wieder ein besonders schlimmer Ausbruch von Aggressivität die Menschen beunruhigt hat: Eine Schießerei an einer Schule, zum Beispiel, oder eine tödliche Schlägerei in einer U-Bahn-Station. Leider sind die Forscher sich nicht ei-nig.
Die einen sagen: Aggressivität ist angeboren, und man wird sie auch nicht los. Man kann höchstens versuchen, sie in unschädliche Bahnen zu lenken. Die anderen sagen: Sie wird von Vorbildern erlernt. Die dritten: Sie verstärkt sich dadurch, dass man mit ihr Erfolg hat. Die vierten: Wer frustriert ist, wird aggressiv.
Je nachdem, welche dieser Theorien man für richtig hält, wird man mehr oder weniger opti-mistisch sein, was die Friedensfähigkeit des Menschen angeht. Denn: Falsche Vorbilder kann man vielleicht verhindern. Den Erfolg aggressiven Verhaltens vielleicht auch. Und falsch Er-lerntes kann man auch wieder verlernen. Aber die Gene eines Menschen sitzen nun mal in ihm drin, und eine Gesellschaft, in der niemand frustriert wird, ist nicht vorstellbar.
Wir wissen also immer noch nicht, ob es Grund zur Hoffnung auf Frieden gibt. Jedenfalls nicht von hier aus. Allerdings gibt es noch eine andere Sicht: die christliche.

--- Musik ---
Will Martin,
CD: a new world
Track 12:Hine e Hine
 
Autor:
Fragt man die Christen, ob sie eigentlich eine Hoffnung auf ewigen Frieden haben, dann sa-gen die „Ja” – und sie schauen dabei nicht, wie jener holländische Gastwirt, Richtung Fried-hof. Fragt man sie weiter, ob sie denn nicht sehen, was für ein gefährliches Biest der Mensch sein kann, dann sagen sie „Doch, doch...”. Und sie glauben auch weder daran, dass der Mensch im Grunde seines Herzens gut ist, noch daran, dass er sich im Lauf der Geschichte in immer neue ethische Höhen schwingen wird.
Christen sind skeptisch, was den Menschen angeht, aber dennoch hoffnungsvoll. Das liegt daran, dass sie nicht nur darauf gucken, wie der Mensch hier auf Erden nun mal ist, sondern auch darauf, was Gott mit ihm macht.
Das christliche Menschenbild geht davon aus, dass der Mensch Sünder ist und seinem Ver-halten nach bleibt. Eigentlich ist er hier auf Erden sein Leben lang „unreparierbar”. Jedenfalls, wenn man auf die Voraussetzungen schaut, die er hat und von sich aus mitbringt. Aber Gott schaut anderswo hin. Er schaut auf den einen Menschen, der so war, wie Gott die Menschen alle ursprünglich mal gemeint hatte. Dieser eine, so glauben die Christen, hieß Je-sus. Wer sich an den hält, der soll und kann ein Mensch werden, der Gott gefällt. Damit ist nicht gemeint, dass er fehlerlos werden soll oder werden könnte. Aber wer sich an Jesus hält, kann lernen. Von ihm stammt der Satz:
Zitatsprecher:
„Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig”.
Autor:
Lernt von mir. Lernt. Verlernt eure mitgebrachten Muster und lebt ein anderes. Meins. Das geht dem, was ihr von Natur aus seid, fürchterlich gegen den Strich. Dennoch hat es Sinn. Es bringt eine Qualität in euer Leben, die ihr von selber nicht herstellen könntet.
Immanuel Kant zum Beispiel wollte den Frieden, weil er vernünftig ist. Die Bibel spricht vom Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft. Diesen Qualitätssprung meine ich.
Dieser Sprung führt uns allerdings nicht in ein Jenseits unserer unfriedlichen Misere. Wir landen vielmehr wieder genau da, wo der Friede gebraucht wird. Aber jetzt mit anderen Aus-gangspunkten und anderem Mut. Wir haben gesehen, dass Friede entweder global ist - oder er ist gar nicht. Und wir haben geseufzt bei dem Gedanken an die Aufgabe, alle Völker der Welt auf die Linie des Friedens zu bringen. Wenn wir aber bedenken, dass von Gott aus gesehen alle Menschen seine Kinder sind, dann sind Kriege nichts anderes als Brudermord. Vom Glauben her ist das ein unmögliches Ding. Die Kirche muss so global denken, in der Frie-densfrage wie in jeder anderen, denn sie ist auf die ganze Welt hin orientiert. Das gehört zu den Merkmalen ihres Wesens. Die Worte „katholisch” und „ökumenisch” bedeuten nichts anderes als das. Und damit bringen die Christen in ihre Sicht des Friedens genau den Aspekt hinein, der heute besonders kritisch ist: den globalen.
Das hört sich anstrengend an für jeden, der diesen Weg versuchen möchte. Aber im christli-chen Bild vom Menschen und seinem Weg zum Frieden fehlt noch etwas – und das lässt auf-atmen. Erstaunlicherweise  behauptet die Bibel, der Friede sei schon da. Sie sieht ihn nicht – jedenfalls nicht nur – als eine menschliche Aufgabe an, sondern als etwas, das Gott bereits geschaffen hat. Dem Menschen wird also nicht zugemutet, aus sich selbst und mit seinen Mit-teln den ewigen Frieden zu schaffen. Er soll nur eintreten in den Bereich des Friedens, der schon existiert. Im Epheserbrief wird das auf die Formel gebracht, wir seien „in Christus Je-sus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im voraus bereitet hat.”
Das Gasthaus „Zum ewigen Frieden” hat also wirklich geöffnet. Von Ironie und Satire keine Spur. Der Wirt erwartet uns, und die guten Sachen sind längst schon fertig.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag. Mein Name ist Traugott Vitz; ich bin evangeli-scher Pfarrer in Hilden bei Düsseldorf.

Musik
CD Joachim Neander Remixed, Track 3: Wunderbarer König,
Lobe den Herren
LC 18259

Audiobeitrag Zum ewigen Frieden?


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