Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.10.08, Pfarrer Martin Vogt

Gepakt

Es gibt eine Handvoll Musiktitel, die kann ich im Auto nicht laufen lassen, ohne am Ende des Liedes zurückzuspulen.

Die muss ich ein zweites, ein drittes oder auch ein viertes Mal hören. Einfach, weil die Musik mir nicht bloß gefällt, sondern weil sie mich packt, weil ich sie regelrecht im Magen fühlen kann. Natürlich kann ich die Texte längst auswendig. Und oft hab’ ich dann das Gefühl: „Ja! So muss Musik sein! So muss das Leben sein!“ Und ich merke, wie intensiv ich diese Minuten erlebe, wie sehr alles um mich herum in diesem Moment in den Hintergrund tritt.

Ab und zu habe ich das auch mit anderen Menschen zusammen erlebt. Einmal haben meine Frau und ich im Auto so lang und so laut ein Lied mitgesungen, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie ich die ganze Zeit mit gut 50 Stundenkilometern im 2. Gang fuhr.

Manchmal kommt so etwas auch bei Gesprächen vor. Gespräche, die so intensiv sind, dass es egal wird, wie spät es ist oder wie früh ich am nächsten Morgen aufstehen muss oder was sonst noch alles ansteht. Jetzt zählt nur das, was wir hier zu sprechen haben und worüber wir uns austauschen können. Und es ist klar: Das muss jetzt sein. So werden wir nie wieder sprechen können.

Solche Momente sind etwas Wunderbares. Egal ob sie mit Liedern oder Gesprächen oder mit was auch immer zu tun haben. Ich kann sie nicht machen oder konstruieren. Aber ich kann sie zulassen und auf intensive Weise genießen.

Ich glaube, so hat Gott auch den Glauben gewollt. Nicht nur als etwas Gleichmäßiges, Gleichförmiges so nebenbei - wie Musik, die man im Hintergrund laufen lässt. Sondern als etwas, das einen wenigstens einen Moment lang so richtig packt, das man im Magen fühlt, das einen mitreißt und alles andere unwichtig werden lässt. Mir passiert das nicht oft. Aber es ist schon vorgekommen. Beim Abendmahl im Gottesdienst zum Beispiel habe ich das ein paar Mal erlebt. Da spürte ich: „Ja, jetzt stimmt alles! So muss das Leben sein! So muss es sein, wenn Gott da ist!“ Ich habe das auch schon außerhalb von Kirchen erlebt - in ganz unerwateten Situationen. Sogar schon mitten in einem Museum. Keine Ahnung, ob Gott dann wirklich intensiver da war als sonst. Vielleicht war ich in diesen Momenten auch einfach nur offener. Aber es war auch so ein Gefühl im Magen - nicht schmerzhaft sondern prickelnd, spannend und intensiv.

Bestimmt kann man leben, ohne ab und zu solche Momente zu spüren. Bestimmt kann man auch glauben ohne ein Kribbeln im Magen. Aber ich wünsche Ihnen trotzdem - wenn nicht heute, dann doch in der nächsten Zeit - einen Moment, in dem Sie intensiv leben und glauben können.

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