Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.10.08, Pfarrer Martin Vogt

Der Bronzeengel

Dass es bei uns abends um halb zehn klingelt, ist ungewöhnlich. Kommt aber vor. Diesmal stand ein junger Mann vor der Tür, der mich fragte, ob ich der Pastor bin.

Nachdem ich das bejaht hatte, hielt er mir einen kleinen Bronzeengel entgegen. - Ob ich den segnen könnte. Ein guter Freund von ihm ist Soldat und fliegt übermorgen zum Einsatz nach Afghanistan. Der junge Mann wollte seinem Freund den Engel mitgeben, sozusagen als Talisman. Den sollte er immer bei sich tragen. Damit er nach dem Einsatz heil wieder nach Hause kommt.

Ich wusste, ehrlich gesagt, nicht so genau, was ich mit dieser Bitte anfangen sollte. Es widerstrebte mir, ein Stück Metall zu segnen, damit ein Mensch gesund bleibt. Ich bin doch Pastor und kein Medizinmann mit einer magischen Zauberformel. Aber dem Mann war seine Bitte wichtig.

Doch hier zwischen Tür und Angel wollte ich sie nicht erfüllen. Also sind wir zusammen in die Kirche gegangen. Dort nahm ich den Engel in meine gefalteten Händen und dann haben wir zusammen für den Freund gebetet: Dass Gott ihn gesund bleiben lässt - an Leib und Seele. Dass er die Bilder verkraftet, die er sehen wird. Dass das Leben für ihn weitergeht, auch nach diesem Einsatz. Dass Gott den Freund spüren lässt:  „Ich bin bei dir. Das soll der Engel dir zeigen.“

Ich war hin- und hergerissen. Einerseits hätte ich gern dafür gesorgt, dass dieser Mensch tatsächlich von seinem Einsatz gesund und lebendig wieder zurückkommt. Aber was ist, wenn ihm doch was passiert? Wenn er verletzt wird? Oder sogar umkommt?

Ich kann diese Möglichkeiten nicht ausschließen. Auch ich muss mit dieser Ungewissheit leben. Denn gerade das macht unseren Glauben aus, dass Gott sich nicht manipulieren lässt. Dass wir bei allen unseren Gebeten - und seien sie noch so ehrlich und drängend - immer die Möglichkeit einkalkulieren müssen, dass Gott anders entscheidet, als wir das gerne möchten. Das ist manchmal sehr schwer zu akzeptieren. Besonders wenn’s ans Eingemachte geht, wenn’s um das geht, was unser Leben ausmacht.

Fasziniert hat mich, wie viel Fürsorge in dem Wunsch des jungen Mannes steckte. Mit der Bitte um den Segen Gottes wollte er seinem Freund etwas Gutes tun - über die eigenen Möglichkeiten hinaus. Er wollte dem Freund helfen in einer Situation, in der er ihm eigentlich nicht helfen kann. Er wollte dazu beitragen, dass sein Freund am Leben bleibt.

Das gemeinsame Gebet und der Segen waren ein Zeichen menschlicher Verbundenheit – auch wenn es letztlich keine Garantie gibt, dass alles gut wird. An diesem Abend haben wir die Grenze dessen erreicht, was wir für einen anderen Menschen tun können. Mehr geht nicht. Der Rest liegt in Gottes Hand.


 

Audiobeitrag Der Bronzeengel


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen