Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.10.08, Pfarrer Jost Klausmeier-Saß

Jugend hat ihre Zeit

Musik (Springwater , I will return LC-Nr. 00136) - „Springwater“: „I will return“ - melancholische Nummer im Radio.

Augenblicklich sind die Gedanken in der eigenen Vergangenheit. Jung sein Anfang der 70er: Die Haare waren länger und zum Glück auch zahlreicher als heute. Und weniger angegraut.

Ach, jung sein: Erinnerungen im Kopf an Partys, auf denen man zu diesem Song tanzte. Was war das eine unbeschwerte Zeit: die Schule lief meistens so nebenbei, bei WDR2 gab’s jeden Abend die „Radiothek“ und die ersten Freundinnen waren natürlich die schönsten Frauen der Welt. Um Geld musste man sich nicht sorgen, das verdienten die Eltern.

Musik

„I will return“, „Ich werde zurückkehren“. Da kann man schon mal selbst melancholisch werden. Denn man kann ja nicht zurückkehren. Die Jugend ist vorbei. Definitiv. „Springwater“ - das „Frühlingswasser“ - verflossen. Man muss einsehen: der Frühling des Lebens liegt hinter einem. Heute ist man in den 40ern und hat Kinder, die ungefähr so alt sind, wie man selbst damals. Wer die Rückkehr in die Vergangenheit erzwingen will, macht sich lächerlich: Berufsjugendliche Männer fallen meistens peinlich auf und mit Müttern, die sich geben, als seien sie ihre Töchter, möchten die meisten Töchter auch nichts zu tun haben.

Und mal ehrlich: „Unbeschwertheit“ – gab’s die damals überhaupt? Waren die Pubertät und die Zeit knapp danach nicht der Inbegriff von Unsicherheit? Die Fragen von damals – schon vergessen? „Was soll aus mir werden?“ „Bin ich attraktiv genug, um den Partner für’s Leben zu finden?“ „Oder zumindest eine eigene Wohnung? Einen Beruf?“ „Und wie die Pickel auf der Stirn loswerden? Und warum hatte sich auf der letzten Party so recht keine Frau für einen interessiert?“

Also für alle, die jetzt eher im Spätsommer oder Frühherbst sind und die gelegentlich wehmütig und sehnsüchtig und voller Melancholie zurückblicken - der Rat: Nüchtern bleiben!

Wie sagt die Bibel? „Alles hat seine Zeit. – Es gibt eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ernten.“ Um im Bild zu bleiben – die Pflanzzeit ist halt vorüber. Der Frühling ist vorbei. Aber hat die Ernte nicht auch ihren Reiz? Sicher: manchmal ist der Alltag grau und die Verantwortung des Erwachsenseins nimmt einem die Luft. Deshalb träumen wir uns ja so gern weg. Und werden melancholisch. Aber wie viel einfacher lebt es sich sonst als Erwachsener, wie viel Klarheit und Orientierung hat man doch in sein Leben gekriegt? Wer möchte denn wirklich mit der heutigen Jugend tauschen?
Na also.

Die Konsequenz daraus? Nehmen wir unser Leben also dankbar an! „Alles hat seine Zeit.“ Wir können nicht ins Gestern zurück. Aber das Heute können wir gestalten. Genießen. Und sicher mit mehr Souveränität, als wir damals je hatten. „Alles hat seine Zeit.“

Freuen wir uns doch über unser langes, reiches Leben von unseren Frühlingstagen bis heute. Dann verschwindet die Melancholie. Und wir sehen in aller Gelassenheit auf das, was kommt.

Musik

Audiobeitrag Jugend hat ihre Zeit


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen