Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.10.08, Pfarrer Reinhard Ellsel

Schwarzer Peter

Keiner möchte ihn haben: den "Schwarzen Peter". Da sitzen sie fröhlich beieinander und spielen Karten. Jetzt ist Johanna dran.

Zögernd zieht sie Karten von ihrer Oma Hilde. Glück gehabt: Der "Schwarze Peter" ist nicht dabei. Außerdem kann Johanna noch zwei gleiche Karten ablegen. Jetzt muss Opa Ernst bei ihr ziehen. "Schwarzer Peter": so heißt das Kartenspiel. Wer zum Schluss diese eine Karte mit dem "Schwarzen Peter" auf der Hand hat, der hat verloren. Und wer möchte schon verlieren?

"Schwarzer Peter": dieses Spiel wird in einem übertragenen Sinne oft in unserem Leben gespielt. Da gibt es plötzlich Streit in der Familie - aus welchem Grund auch immer. Und jeder ist nun bemüht um seine eigene "weiße Weste". Jeder möchte Recht behalten. Keiner lenkt ein. Anschuldigungen werden hin und her geschoben. Niemand möchte den "Schwarzen Peter" haben. Die Atmosphäre in der Familie ist vergiftet. Eiszeit ist angesagt.

Jesus empfiehlt uns ein anderes Spiel. Es heißt: "Nimm den Schwarzen Peter!" Die Regeln für dieses anspruchsvolle Spiel hat er in der Bergpredigt erklärt. (Mt 5,38-42)

Sprecherin: "Jesus Christus spricht: Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2. Mose 21,24): "Auge um Auge, Zahn um Zahn." Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch deinen Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will."

Der indische Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi hat die Bergpredigt sehr geschätzt. Obwohl er selbst kein Christ war, hat er in den Worten von Jesus viele Anregungen für seinen gewaltfreien Widerstand gefunden. Mit Blick auf den alttestamentlichen Grundsatz "Auge um Auge, Zahn um Zahn" hat er einmal gesagt: "Wenn das gelten würde, dann müssten alle Menschen ohne Augen und ohne Zähne herumlaufen."

Und der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer empfiehlt: "Lass das Böse sich totlaufen". Auch er hat verstanden, warum Jesus sagt: "Ihr sollt nicht widerstreben dem Übel." Bei unterschiedlichen Interessen, in Konfliktsituationen hilft oft nur eins: Freiwillig den "Schwarzen Peter" nehmen, um damit die aufgeladene Situation zu entspannen.

Eine alte griechische Sage macht das anschaulich. Die Sage erzählt von Herkules, der einst durch eine Bergenge kam. Auf dem Weg lag etwas, das wie ein Apfel aussah. Herkules versuchte, es zu zertreten, aber da verdoppelte es sich. Nun trat er noch stärker darauf, und es vergrößerte sich wieder. Da schlug er mit seiner Keule darauf ein. Doch es blähte sich zu etwas ganz Großem auf und versperrte ihm den Weg. Da hielt er erschrocken inne und warf die Keule fort. Es erschien ihm die Göttin Athene und sprach:

Sprecherin: "Lass ab! Was du siehst, ist Zanksucht und Streit. Wenn man es liegen lässt, bleibt es klein. Wenn man es aber aufnimmt, so schwillt er immer mehr an."

Liebe Hörerinnen und Hörer, es bringt uns weiter, wenn wir den Zankapfel großzügig liegen lassen. So bleiben Freundschaften erhalten und das Miteinander verbessert sich.

Audiobeitrag Schwarzer Peter


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