Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.10.08, Pfarrer Reinhard Ellsel

Richtet nicht!

Liebe Hörerinnen und Hörer! Wir Menschen sind wie Eisberge. Wie von der Größe eines Eisberges nur ein Bruchteil über Wasser zu sehen ist,

so bekommen wir auch nur einen Bruchteil davon zu Gesicht, was einen anderen Menschen ausmacht. Das meiste bleibt unseren Augen verborgen. Zum Beispiel sehen wir in der Regel nicht den Werdegang des Menschen, mit dem wir uns gerade unterhalten. Wir wissen nichts von seinen heimlichen Ängsten und Sorgen. Wir wissen nichts von seinen Hoffnungen und Plänen. Der andere ist wie ein Land, das wir nicht bereist haben.

Sprecherin: "Jesus Christus spricht: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen?, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge. Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.

Diese Worte von Jesus aus der Bergpredigt (Mt 7,1-5) kann man gründlich missverstehen; nämlich indem wir daraus schließen, dass es bei uns keine berufsmäßigen Richter geben dürfe. Natürlich muss es unter uns auch Lehrer geben, die von Berufswegen Zensuren erteilen, oder Vorgesetzte, die ein Führungszeugnis ausstellen. Und selbst im privaten Bereich müssen wir immer wieder Urteile fällen, um uns in dieser Welt zurechtzufinden.

Jesus wendet sich mit seinen Worten vielmehr dagegen, dass wir uns lieblos gegenüber anderen als Richter aufspielen. Wir alle stehen nämlich in der Gefahr, dass wir mit unserem Urteil über andere viel zu schnell bei der Hand sind, viel zu einseitig und ohne dass wir uns über die Beweggründe des anderen richtig informiert haben.

An zwei entscheidende Dinge erinnert uns Jesus: 1. Gott allein steht ein letztgültiges Urteil über uns Menschen zu. 2. Wir Menschen sind irrtumsfähig und nicht über jeden Fehl und Tadel erhaben. Jesus beschreibt das mit einem anschaulichen Bild: "Was suchst du den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst den Balken nicht wahr in deinem Auge?"

Es ist grotesk: Mit unserer Kritik sind wir oft genug "Splittersucher" die versuchen, den anderen Fehler nachzuweisen, die wir selbst immer wieder begehen. Mit anderen Worten: Der vermeintliche Splitter im Auge des andern ist häufig aus dem gleichen Holz wie der Balken in unserem eigenen Auge.

Jesus dagegen ermutigt uns dazu, dass wir wahrhaft selbstbewusste Persönlichkeiten werden. Menschen, die wirklich sich selbst bewusst sind, sind Menschen, die sowohl ihre Stärken kennen, als auch ihre Schwächen - und davon hat jeder genug. Selbstbewusste Menschen, sind also Menschen, die wissen, was für ein "Eisberg" sie sind - um das Bild vom Anfang wieder aufzunehmen. Selbstbewusste Menschen wissen, was für Schätze und Tiefen sie unter der Wasseroberfläche haben. Und sie können barmherzig damit umgehen und in Frieden damit leben. Die behinderte Schriftstellerin Helen Keller hat dieses gesunde Selbstbewusstsein einmal so beschreiben:

Sprecherin: "Kenne deine Probleme, aber lass dich nicht von ihnen beherrschen. Mögen sie dich lehren, geduldig, liebevoll und freundlich zu sein. Denn du weißt nie, welches Wunder du in deinem Leben und in den Leben anderer bewirken wirst."

Audiobeitrag Richtet nicht!


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