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Der Krüppeljesus
Matthias sieht aus wie ein echtes Sonntagskind. Ein dichter Lockenkranz zwirbelt über strahlenden blauen Augen.
Erst beim zweiten Blick erkennt man, dass sein Gang nicht ganz harmonisch zu seinem trainierten Körper passt. Denn trägt Matthias eine Beinprothese. Seinen dummen-Jungen-Dienstag nennt er die Prothese liebevoll- spöttisch. Der erste Sonnentag, das Motorrad aus der Garage geholt, die 9te Kurve dann zu schnell genommen.
Als er im Krankenhaus wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, war er ein Mensch, dem das rechte Bein fehlte. Aber es fehlte noch viel mehr. Du denkst dir, das geht doch nicht. So kann und will ich nicht leben. Matthias Eltern, seine Schwester, die Studienkollegen - sie brachten ihm Bücher und den neusten Uniklatsch, schoben seinen Rollstuhl in die Sonne. Matthias blieb abweisend, grantig, hadernd. Besonders unerträglich fand er es, wenn sie weggingen, sich noch einmal an Tür umdrehten und ihm winkten. Und dann davongingen auf zwei Beinen. Die Prothese wollte er nicht mal ansehen. Wenn man ihn aufrichtete, liess er sich absichtlich zu Boden fallen.
In den Augen seiner Mutter standen jetzt immer öfter Tränen, wenn sie ihn besuchte. Sein Vater versuchte es mit einem Männergespräch. Es half nichts. Es war seine beste Freundin, die ihn ins Leben zurückholen sollte. Bei einem Spaziergang, besser einer Rollstuhlausfahrt, schob sie Matthias an einem Wegkreuz vorbei. Matthias warf nur einen Blick auf das Kruzifix und die liebevoll arrangierten Feldblumen davor. Diese Christen und ihr Krüppeljesus! Zischte er. Weißt du was, Matthias? Mir reicht es jetzt, sagte seine Freundin ernst und machte auf dem Absatz kehrt. Matthias blieb allein zurück, auf dem unebenen Feldweg, in seinem Rollstuhl. Vor dem Krüppeljesus. Er wartete. 5 Minuten, 10 Minuten, 30 Minuten. Seine Freundin kam nicht wieder. Er begann zu schimpfen, fluchen, immer lauter. Er schrie den Krüppeljesus an. Ja. Du da. Mach doch was, wenn du kannst. Aber du bist ja nur aus Holz und hängst selbst daran.
Irgendwann war sein Zorn so gewaltig, dass er sich mit dem Rollstuhl auf den Weg in die Reha machte. Es dauerte lange, er war ungeübt darin. An jenem Abend im Klinikbett wälzte er ununterbrochen Pläne, wie er es seiner Freundin heimzahlen könnte. Er malte sich alle möglichen Situationen aus. Allen gemeinsam war: Er musste selbst wieder gehen lernen. Am nächsten Tag machte er die Übungen mit. Er schnallte die Prothese an und schlurfte verbissen über die Gänge. Als die Reha zu Ende ging, da konnte er bis zum dem Wegkreuz gehen. Sein Zorn hatte ihn mobilisiert. Aber als er nun hier stand. Auf seinen eigenen Beinen, da war sein Zorn verraucht. Bekehrung. Das ist so ein steiles Wort, sagt Matthias heute. Ich nenne es lieber Kehrtwende. Ich habe mich an diesem Tag dem Leben wieder zugekehrt. Ich bin aus meinen Selbstmitleid erwacht, wo es immer nur hieß: Ich, ich, ich!. Ich habe diesen Krüppeljesus gehasst, weil er mir wiederspiegelte, was ich bin. Ein Krüppel. In diesem Moment ist mir klar geworden, dass er sieht, wer ich bin. Und das er das kennt. Ich habe begriffen, dass Gott keine Wundertüte ist. Sondern dass er mir Menschen schickt, die das Richtige am richtigen Ort tun.
Der Krüppeljesus
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