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Die Todesstrafe durchkreuzen
Wir fordern die Todesstrafe für Kinderschänder! Mit dieser Parole zogen Rechtsextreme durch Leipzig. Die kleine Michelle war gerade tot aufgefunden worden.
Missbraucht und ermordet. Entsetzen, Wut und Empörung waren groß. Todesstrafe für Kinderschänder! Würde bei uns abgestimmt, hätte diese Forderung bestimmt eine Mehrheit. Aber Entsetzen und Wut sind schlechte Ratgeber, auch wenn sie noch so verständlich sind.
Wer sich als Christ versteht, muss dagegen ein entschiedener Gegner der Todesstrafe sein. Am heutigen Welttag gegen die Todesstrafe müssen Christen in der ersten Reihe stehen. Und mit ihnen alle, die die Botschaft des Christentums verstanden haben.
Jesus von Nazareth war als Gotteslästerer hingerichtet worden. Äußerlich vielleicht sogar zu recht. Aber wer ihn von innen verstand, wusste, dass der Todesspruch ein Fehlurteil war. Ein Justizskandal. Seitdem erinnert das Kreuzeszeichen an die Grenzen des Rechts: Fehlbare Richter dürfen Geldstrafen verhängen oder Freiheitsstrafen aussprechen. Aber mit einem Todesurteil überschreiten sie ihre Kompetenz.
Jedes Kreuz ist damit ein Warnzeichen gegen die Todesstrafe. Denn es erinnert eben daran, dass Gerichte fehlbar sind. Dass es nicht reicht, einen Menschen nach seinen Taten zu beurteilen. Um einem Angeklagten gerecht zu werden, müsste man seine Persönlichkeit verstehen. Aber damit ist ein Gericht oft überfordert.
Und es gibt noch einen tieferen Grund, warum Christentum und Todesstrafe nicht zusammenpassen. Leben kann nicht gelingen, wenn es nicht offen ist für Veränderung. Dem würde wahrscheinlich jeder Arzt und jede Lehrerin zustimmen. Jesus hat daraus eine tiefe Konsequenz gezogen: Es gehört zur Würde des Menschen, dass ihm immer wieder das Recht zur Veränderung eingeräumt wird. Dass er eine Chance bekommt, seine Fehler zu korrigieren.
Diese Möglichkeit eröffnete Jesus jedem Menschen: einem korrupten Zolleinnehmer genau so wie der Ehebrecherin, die für ihre Untreue gesteinigt werden sollte. Die Justiz soll einem Menschen helfen, sein Verhalten zu korrigieren. Egal, wie schwer sein Verbrechen war. Keinem Menschen darf diese Möglichkeit durch den vorzeitigen Tod genommen werden.
Hans Tschirner hat das Verstanden. Und er hat daraus eine mutige Konsequenz gezogen. Bei der Demonstration der Rechten in Leipzig ergriff er ungefragt das Wort. Er sagte: Ich bin ein engagierter Christ und finde diesen Mord wirklich schlimm. Aber das hier ist ein bisschen zu einfach. Derjenige, der den Mörder umbringt, wird doch dann selbst zum Mörder.
Die Rechten schwiegen erst einmal verblüfft. Vielleicht hat der ältere Herr sie nicht überzeugt. Aber er hat ihr Gewissen angesprochen. Immerhin ein erster Schritt beim Kampf gegen die Todesstrafe!
Die Todesstrafe durchkreuzen
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