Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.10.08, Pfarrer Sven Keppler

Die Unterbrechung

Zum ersten Mal allein auf dem Jakobsweg. Nicht in Spanien, sondern im Münsterland, Und gespannt auf die Erfahrungen, die ich machen würde: unterwegs in der Heimat.

Diesmal ohne meine Frau, die sonst immer mit mir auf dem Weg gewesen war. Zum Beispiel im letzten Jahr. Da sind wir von Belgien nach Frankreich gewandert. Hatten es genossen, den ganzen Tag füreinander Zeit zu haben und zu reden. Diesmal musste sie jedoch zu Hause bleiben.

„Alleine zu pilgern ist noch einmal ganz was anderes. Man kommt viel mehr zu sich selbst.“ Das hatte ich immer wieder gehört. Und so war ich voller Erwartung auf die fünf Tage, in denen ich von Ladbergen zurück nach Dortmund laufen wollte.

Am ersten Tag war ich dann wie entfesselt losgestürmt. Die ganze Anspannung der letzten Arbeitswochen wollte raus. 26 Kilometer, ohne Pause. Natürlich war das unvernünftig, man muss schließlich an den nächsten Tag denken. Aber die Bewegung in der Natur war einfach wunderbar.

Und am Ziel wartete ein komfortables Hotel samt Pilgermenü. Am nächsten Morgen musste ich die Rechnung bezahlen. Nicht nur für das Hotel. Sondern vor allem für den gestrigen Übermut. Die Beine waren müde, die Füße taten weh. Dazu noch das Wetter: Bereits am Vormittag drückende 32 Grad. Und für den Nachmittag war ein Unwetter angesagt.

Schon kurz nach dem Aufbruch war ich zerknirscht. Wieder hatte ich zwei Dutzend Kilometer vor mir. Lauter Asphaltwege, quer durch Münster. Ich hatte den Druck im Nacken, vor dem Gewitter anzukommen. Und der Rucksack war mindestens doppelt so schwer wie am Tag zuvor.

Was sollte das ganze überhaupt? Hätten ein paar Tage Entspannung am Meer nicht auch gut getan? Und dann auch noch alleine. Die Gedanken kreisten nur um die Hitze, die Erschöpfung und das näher rückende Unwetter. So hatte ich es mir nicht vorgestellt, zu mir selbst zu kommen.

Kilometer für Kilometer zog ich durch die Stadt, in der ich jahrelang gewohnt hatte. Ich wollte meinen Erinnerungen nachhängen. Sie vielleicht ein bisschen sortieren. Aber der Kopf war nicht frei dafür. Hinter mir baute sich langsam eine Wolkenwand auf und trieb mich rastlos vor sich her.

Im Süden von Münster war es dann soweit: Ich hatte ein spirituelles Erlebnis! Keine Vision, die aus der Erschöpfung wuchs. Auch kein Wetterumschwung, der plötzlich den Himmel aufreißen ließ. Sondern ein einfacher, unglaublich befreiender Gedanke: „Gönn Dir doch einfach eine Pause.“

In einer Gaststätte reichte mir ein Engel ein wundervoll erfrischendes Bier. Danach ging ich in eine kühle Kirche. Ein Chor probte für den Abend auf der Empore. Irgendein neueres Werk, das klang, als würde es direkt aus dem Himmel kommen. Und an den Wänden hingen berührende Bilder einer Ausstellung. Sie hatte den Titel: „Das Kreuz mit dem Kreuz“.

Warum das ein spirituelles Erlebnis war? Den ganzen Tag war ich vom Zeitdruck getrieben worden. Bloß rechtzeitig ankommen. Wie sonst bei der Arbeit auch. Und dann hatte ich mir diese Unterbrechung gegönnt. Völlig unvernünftig, über eine Stunde lang. Vielleicht würde ich dafür nass werden bis auf die Knochen. Aber ich hatte durchgeatmet und wunderbare Musik gehört. Dann brach ich wieder auf. Der Wolkenbruch begann genau zwanzig Meter vor dem Ziel.

Audiobeitrag Die Unterbrechung


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