|
Freund der Armen und Wegbereiter der Diakonie - Johann Hinrich Wichern
Eure Armut kotzt mich an. Diese Worte prangten auf der Heckscheibe eines schnellen und teuren Autos, das mich auf der Autobahn überholte.
Der hat es aber eilig, von den Armen wegzukommen, dachte ich. Lassen wir ihn fahren, er ist kaum der Rede wert. Lieber erzähle ich Ihnen von einem, der zu den Armen hinging, dem das Elend der Armen auf den Magen schlug und der darum tatkräftig sich mühte, das Leben von Armen zu erleichtern und zu verbessern. Sein Name: Johann Hinrich Wichern. 1808, also genau vor 200 Jahren, wurde er in Hamburg geboren. Er ist der wohl bedeutsamste Wegbereiter der modernen Diakonie.
Auch ich arbeite in der Diakonie. Mein Name ist Werner Max Ruschke, und ich bin in Münster Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Perthes-Werkes. Das ist ein großer diakonischer Träger in Westfalen mit Angeboten vor allem für alte, aber auch für behinderte und arme sozial benachteiligte Menschen.
Musik
Johann Hinrich Wichern Vater ist Kutscher, doch er will mehr. Zehn Fremdsprachen erlernt er, wird Schreiber in einem Notariatsbüro, später sogar Teilhaber und selber Notar. Die Wicherns leben gleichwohl in eher bescheidenen Verhältnissen, Johann Hinrich kann dennoch ein angesehenes Gymnasium besuchen. Doch als er 15 Jahre alt ist, stirbt der Vater plötzlich. Die wenigen Ersparnisse der Familie sind bald aufgebraucht. Wichern muss die Schule verlassen, um als ältester von sieben Geschwistern zum Familieneinkommen beitragen. Er wird Gehilfe in einem Internat. Hier entdeckt er, wie gut er auch mit schwierigen Kindern umgehen kann. Daneben beendet Wichern an einer Art Abendschule die eigene Schulausbildung. Wohlhabende Gönner ermöglichen ihm, in Göttingen und Berlin Theologie zu studieren, denn Wichern möchte Pastor werden. Es bleibt ein Wunschtraum. Zwar besteht er sein Examen, aber es gibt weitaus mehr Bewerber als freie Pfarrstellen. Wichern findet jedoch eine Anstellung als Lehrer an einer Sonntagsschule. In ihr erhalten arme Kinder nach dem Gottesdienst kostenlosen Unterricht in Lesen, Schreiben und Rechnen. Eine der Ehrenamtlichen ist eine junge Dame namens Amanda, in die Wichern sich verliebt und die er später heiratet; die Eheleute bekommen neun Kinder.
Wichern liegen seine Sonntagsschul-Kinder am Herzen. Er will wissen, aus welchen Verhältnissen sie kommen und besucht sie deshalb zuhause. Wichern wird mit nackter Armut konfrontiert. Erschrocken notiert er seine Eindrücke und veröffentlicht sie unter dem Titel Hamburgs wahres und geheimes Volksleben. Darin heißt es:
Sprecher: Ich bitte, mir im Geiste in diese Wohnungen zu folgen.
Da ist beispielsweise:
Sprecher: Janssen, Witwe. Entsetzlich arm, einlogierend ein Lumpensammler. Für vier Menschen nur ein Strohsack und eine Decke.
Über eine Familie Sievers hält er fest:
Sprecher: Eltern scheinen nichts zu taugen. Ein Knabe, Vagabund, 13 Jahre alt, kann weder schreiben noch rechnen:
Dann erzählt er von einer Kindesmisshandlung:
Sprecher: Der Mann schneidet Schwefelhölzer, das Weib unterstützt ihn dabei, ein kleiner Knabe muss die Ware verkaufen helfen.
Vor einigen Jahren hatten jene Menschen (dürfen wir sie noch Eltern nennen?) den armen Knaben eingesperrt, um ihn erfrieren und verhungern zu lassen. Das Gewinsel des Knaben zog die Nachbarn herbei; so ist er gerettet, hat aber an dem einen Fuß einen Teil der Zehen, und an einer Hand die Hälfte der Finger eingebüßt.
Und von einer Familie Stamport berichtet er:
Sprecher: Die Mutter klagt die bittere Not über ihren Mann, der sie misshandelt in seiner täglichen Besoffenheit. Den Kindern ist das Herumtreiben eine große Last und sie gingen gern in die Schule, wenn sie könnten und sollten.
Solchen Kindern will Wichern helfen. Er will sie befreien aus dem Teufelskreis von Armut, Verwahrlosung, Alkohol und Prostitution. Er will ihnen einen Familienersatz geben, will sie fördern und ausbilden. Er überzeugt andere von seiner Idee, gewinnt Freunde und Förderer. Einer schenkt ihm eine Bauernkate, die Das Rauhe Haus heißt. Hier wird Wichern in familienähnlichen Gruppen von höchstens zwölf Personen arme und verwahrloste Kinder individuell fördern. Hier soll ein anderer Geist herrschen als in den gefängnisähnlichen staatlichen Erziehungsheimen. Zu jedem neu ankommenden Kind sagt Wichern:
Sprecher: Mein Kind, die ist alles vergeben! Hier ist keine Mauer, kein Graben, kein Riegel; nur mit einer schweren Kette binden wir dich hier, diese heißt Liebe und ihr Maß ist Geduld. Wir wollen dir dazu verhelfen, dass du deinen Sinn änderst und fortan dankbare Liebe übest gegen Gott und Menschen.
Solche Liebe sollen alle Kinder erfahren, durch menschliche Liebe sollen sie zugleich Gottes Liebe spüren. Von ihr soll das Zusammenleben im Alltag geprägt sein, in Fröhlichkeit und ohne religiösen Druck. Immer wieder werden Feste gefeiert, nicht zuletzt Ostern und Erntedank und Weihnachten. Um den Kindern das Näherrücken der Weihnachtsfreuden sichtbar zu machen, lässt Wichern einen großen Kreis aus Holz anfertigen mit 24 Kerzen darauf. An jedem Adventsabend wird eine weitere Kerze angezündet, bis Heiligabend schließlich alle Kerzen brennen. Später wird das Holz mit Tannengrün geschmückt, für den Hausgebrauch verkleinert und die Zahl der Kerzen auf vier verringert. Wichern ist somit der Erfinder des Adventskranzes.
Als er 1833 die Leitung der neuen Einrichtung übernimmt, ist Wichern gerade erst 25 Jahre alt. Sein Konzept hat Erfolg. Das Rauhe Haus kann die Kinder nicht mehr fassen, neue Gebäude entstehen, sodass aus dem damals so genannten Rettungshaus mit der Zeit ein ganzes Rettungsdorf entsteht. Die für die Erziehung nötigen Mitarbeiter werden bald in einer eigenen Ausbildungsstätte gefördert. Die daraus entstandene diakonische Einrichtung Das Rauhe Haus gibt es übrigens bis heute.
Musik
Wicherns Idee spricht sich herum, das heißt: er selbst spricht sie herum. Wichern reist viel, hält Vorträge, schreibt viel. Er regt an, ähnlich wie er gegen die Not armer Kinder anzugehen, anzuarbeiten. Wichern wird bekannt. Und so kommt es, dass er 1848 eingeladen wird zum Kirchentag in die Lutherstadt Wittenberg. Mit den heutigen fröhlich-frommen Kirchentagen hat die Veranstaltung damals trotz der Namensgleichheit nichts zu tun. Sie ist vielmehr eine Versammlung von etwa 500 hochrangigen frommen und besorgten Männern aus Kirche und Gesellschaft. Besorgt sind sie, weil es nach ihrer Ansicht sozialistische und kommunistische Ideen sind, die zur Gottlosigkeit und Entkirchlichung beitragen. Und sie sind besorgt, weil liberale bürgerliche Ideen mehr Rechte und Freiheiten für die Bürger fordern und dabei auch die enge Verknüpfung von Kirche und Königtum auflösen möchten. Diese Männer wollen sich angesichts solch drohender Gefahren auf ein gemeinsames Vorgehen verständigen. Fragen der sozialen Verantwortung von Christenmenschen stehen eigentlich nicht auf ihrer Tagesordnung. Doch genau dazu will und wird Wichern etwas sagen.
Der 22. September 1848 ist die große Stunde im Leben Wicherns, sie ist zugleich eine der folgenreichsten für die Kirche im 19. Jahrhundert. Über eine Stunde lang begeistert Wichern seine Zuhörerschaft in einer Stegreifrede. Anschaulich schildert er Elend und Not weiter Bevölkerungsteile. Darin ähnelt er Friedrich Engels, dem Fabrikantensohn aus dem Wuppertal, der ebenso wie Wichern in pietistischer Frömmigkeit aufwächst. Doch während es Engels, dem Mitverfasser des Kommunistischen Manifestes, um soziale Gerechtigkeit mittels einer Revolution geht, fordert Wichern soziale Reformen innerhalb einer an sich guten Gesellschaft. Grund für die Ungerechtigkeit sei nicht der Staat, sondern die Gottlosigkeit seiner Bürger. Darum müsse das Innere der Menschen durch den Glauben erneuert werden. Wichern nennt das innere Mission. Für ihn ist die religiöse Erneuerung unabdingbare Voraussetzung für soziale Erneuerung.
Soziale Erneuerung und das ist das Revolutionäre an Wichern ist für ihn unabdingbare Folge des christlichen Glaubens. Glaube und soziale Verantwortung Wichern spricht von Liebe gehören untrennbar zusammen.
Sprecher: Meine Freunde, es tut eines not, dass die evangelische Kirche in ihrer Gesamtheit anerkenne: Die Arbeit der inneren Mission ist mein!, dass sie ein großes Siegel auf die Summe dieser Arbeit setze: Die Liebe gehört mir wie der Glaube.
Die kirchlichen Lehrunterschiede, auch die zur katholischen Kirche, sind zweitrangig:
Sprecher: Mehr noch als die Lehre gehört der Kirche die helfende dienende Tat.
Einhundert Jahre später, also 1948, hat die Evangelische Kirche in Deutschland diesen inneren Zusammenhang in ihre Grundordnung übernommen. In ihr heißt es: Die Diakonie ist eine Lebens- und Wesenäußerung der Kirche. Das bedeutet: Ohne Diakonie gibt es keine lebendige Kirche, ohne Diakonie wird Kirche unwesentlich.
Musik
Die Rede Wicherns zeigt Wirkung. Noch auf dem Kirchentag wird ein Central-Ausschuß für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche eingesetzt, dessen Vorsitz Wichern alsbald übernimmt. Anscheinend unermüdlich reist durch die deutschen Lande, um für seine Überzeugung zu werben. Viele noch heute bestehende diakonische Einrichtungen gehen auf Impulse Wicherns zurück. Zusätzlich zu seiner Hamburger Aufgabe übernimmt Wichern noch ein staatliches Amt in Berlin, um das Gefängniswesen zu reformieren, letztlich allerdings ohne Erfolg. Das alles zehrt an seinen Kräften und überfordert ihn. Zwei Schlaganfälle beschränken Wicherns Wirkungskreis. Der dritte Schlaganfall 1874 leitet sein jahrelanges Siechtum ein. Im Alter von fast 73 Jahren stirbt er 1881.
Aus heutiger Sicht sind manche Begrenztheiten und Blindheiten in Wicherns Wollen unübersehbar. Im Nachhinein ist man ja leicht klüger. Als unaufgebbares Erbe Wicherns aber bleibt die Verpflichtung, die Liebe Gottes Menschen nicht nur in Worten, sondern ebenso im diakonischen helfenden Handeln zu bezeugen. Wicherns Ruf bleibt aktuell: Verschließt eure Augen nicht vor der Armut, insbesondere nicht vor der Armut von Kindern; lasst sie euch zu Herzen gehen und sorgt dafür, dass auch arme Kinder eine faire Chance für ihre Zukunft und ihr Leben bekommen.
Einen guten Sonntag wünscht Ihnen Werner Max Ruschke von der evangelischen Kirche aus Münster.
Musik
Freund der Armen und Wegbereiter der Diakonie - Johann Hinrich Wichern
|