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Herr von Ribbeck
Sprecher: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, ein Birnbaum in seinem Garten stand... *
Laut Umfragen ist es das beliebteste deutsche Gedicht: Theodor Fontanes Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. Generationen waren und sind davon berührt, wie der liebenswerte alte Gutsherr sich in der goldenen Herbsteszeit die Taschen vollstopft und für jedes Kind stets eine Birne dabei hat.
Sprecher: ...und kam in Pantinen ein Junge daher, so rief er: Junge, wiste ne Beer? Und kam ein Mädel, so rief er Lütt Dirn kumm man röwer, ick hebb ne Birn!
Warum die Geschichte des liebenswürdigen alten Gutsherrn, den es übrigens wirklich gab, so fasziniert? Nun, ein Stück romantische Verklärung der Vergangenheit schwingt da sicher mit. Aber was die ungebrochene Popularität des Gedichtes ausmacht, ist ja viel mehr. Der von Ribbeck auf Ribbeck spricht eine Sehnsucht in uns an: an das Gute im Menschen zu glauben und vor allem: dass dieses Gute sich fortpflanzt wenn schon nicht in den eigenen Kindern, so doch in der Welt. Wir kennen die Geschichte: Bevor der alte Ribbeck stirbt, läßt er sich eine Birne mit ins Grab legen. In weiser Vorraussicht - er kennt ja seinen eigenen Sprößling nur allzu gut. Was wird dann mit den Kindern?
Sprecher: ...und die Kinder klagten, das Herze schwer: He is dod nu. Wer giwt uns nu ne Beer?
Ja, der alte Ribbeck ist tot, - sein Herz aber, sein großes, ist nicht totzukriegen. Nichts auszurichten vermag dagegen der Geiz des Jungen.
Sprecher: So klagten die Kinder. Das war nicht recht - ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht! Der neue freilich, der knausert und spart, hält Park und Birnbaum strenge verwahrt. Aber der alte, vorahnend schon und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn, der wußte genau, was damals er tat, als um eine Birne ins Grab er bat; und im dritten Jahr aus dem stillen Haus ein Birnbaumsprößling sproßt' heraus.
Der Birnbaumsprößling sproßt und mit ihm die Güte des alten Ribbeck. Es ist aber tatsächlich mehr als Vorsorge und weise Voraussicht, die bewirkt, dass sich das Gute fortpflanzt. Dass der Baum sich am Ende in voller Schönheit und Größe präsentiert, dass Birnen und Freundlichkeit des alten Ribbeck bis heute leuchten - es liegt wohl an dem, was wir mit dem Wort Segen bezeichnen. Wenn Christen heute das Erntedankfest feiern, dann denken sie daran, wie dieser Segen Gottes durch unsere Hände geht sein Segen läßt wachsen, was wir säen und fröhlich dankbar ernten. Nicht zuletzt aber bewirkt der Segen immer und immer wieder eins: dass Güte sich durchsetzt - der gute Geist eines Menschen überlebt.
Sprecher: Und die Jahre gehen wohl auf und ab, längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab, und in der goldenen Herbsteszeit leuchtet's wieder weit und breit und kommt ein Junge übern Kirchhof her, so flüstert's im Baume: Wiste ne Beer? Und kommt ein Mädel, so flüstert's Lütt Dirn kumm man röwer, ick gew di ne Birn!
So spendet Segen noch immer die Hand des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.
* CD: Die Lieblingsgedichte der Deutschen, CD 1, Track 6 Titel: Herr von Ribbeck (Theodor Fontane) Sprecher: Otto Sander, LC: 04176
Herr von Ribbeck
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