Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.10.08, Pfarrer Gerd Höft

Felsenmenschen

Leidenschaft ist etwas Schönes und Großartiges. Leidenschaft ist ein mächtiges Gefühl, eine überwältigende Kraft.

Sie befähigt uns zu Anstrengungen und weckt in uns Energien, an die wir vorher selbst kaum geglaubt haben. Leidenschaftliche Menschen sind immer schnell mit den großen Gefühlen bei der Hand, schäumen schnell über, weswegen die kleine Schwester der Leidenschaft auch die Schaumschlägerei ist. Aber egal. Ob große Schwester Leidenschaft oder kleine Schwester Schaumschlägerei: beide sind schnell entflammt oder entflammbar; stürzen sich auf das, das gerade ihre Aufmerksamkeit erregt, sind schnell bei der Hand aber auch wieder schnell von der Hand. Hochtourig fährt man eben nur eine gewisse Zeit.

Also: es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen, heißt es in unserem Wochengleichnis und indem er säte, fiel auch etliches auf Felsen. Dort ging die Saat schnell auf, aber der Untergrund trug nicht. Keine Erde zum Wurzel fassen, kein Halt für ein  stabiles Wachstum: Schnell hochgeschossen und schnell verdorrt. Damit wären wir bei Felsenmenschen. Nach den Wegmenschen von gestern. Und konnte man in den Wegmenschen eher die Prinzipientreuen erkennen, so entdecke ich in den Felsenmenschen die Leidenschaftlichen. Wie schon gesagt: bei Menschen dieser Art fällt alles zunächst auf fruchtbaren Boden; schnell sind sie begeistert und tun auch viel für diese Begeisterung.

Zum Beispiel in der Sparte „sportliche Betätigung“. Gerade hatte man noch das Joggen favorisiert mit den besten Laufschulen, dem entsprechenden kleidungsmäßigen Outfit, macht den Freundeskreis und die Familie verrückt mit den neuesten Erkenntnissen über Laufstile, atmungsaktive Kleidung, richtige Ernährung usw. Da entdecken sie das Radfahren. Die Joggingsachen, kaum benutzt, werden durch Radutensilien ersetzt. Und demnächst wieder eine neue Leidenschaft. Alles wird angefangen, nichts wird so richtig zu Ende gebracht. Ein Sprachkurs: angefangen und abgebrochen; eine Fortbildung: angefangen und abgebrochen; in eine Beziehung investiert und abgebrochen. Scheint so als verbrauchten die Leidenschaftlichen alle Energie in den Anfängen, wo alles noch leicht, aufregend, neu erscheint und dann, wenn die Mühen kommen, die ersten Krisen, wenn es darauf ankommt durchzuhalten, nicht nachzulassen, dann plötzlich sind de Akkus schneller leer als man hingucken kann.

Mit dem Wort Gottes geht es bei ihnen genauso. Sie lassen sich von ihm treffen und schnell begeistern. Sie entsetzen sich über die Kriege in der Welt und gründen Friedengruppen. Sie leiden unter der Situation beschäftigungsloser Jugendlicher und kümmern sich um Asylsuchende. Sie haben tausend Ideen, sind anregend und aufregend. Die ersten Hürden werden spielend übersprungen und über die nächsten wird dann gestolpert. Und nach den ersten Auseinandersetzungen sind sie nicht mehr dabei Die Energie erlahmt, die brennenden Flammen entpuppen sich als Strohfeuer.

Auch das Wort Gottes ist für sie nur in den Anfängen interessant und bei der ersten Krise verdorrt es schneller als man ahnen konnte. Rasch wird was Neues gesucht. Da bekehrt man sich zum Buddhismus, weil der Dalai Lama so nett ist oder zum Islam, weil es da klarer zugeht oder plumpst in das große Sammelbecken Esoterik. Arme Felsenmenschen. Immer auf dem Sprung, immer unterwegs. Nie irgendwo angekommen, nie irgendwo richtig zuhause. Nichts kann wirklich Wurzeln fassen, nichts richtig zur Reife kommen. Sie sind die ewig Unvollendeten. Aber auch hier gibt der Sämann nichts verloren; irgendwann mag doch ein Samenkorn den winzigen Spalt finden, die kleine Mulde; ausreichend für ein paar kräftige Wurzel, ausreichend für ein wenig Dauer, ausreichend, um dann doch noch Frucht zubringen, ausreichend um die starken Anfänge mit einer ebenso starken Dauer zu verbinden. Bei den Dornenmenschen sieht es schon wieder ganz anders. Das erzähle ich Ihnen morgen.

Audiobeitrag Felsenmenschen


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