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"Herr, die Erde ist gesegnet" (eg 512)
Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!Die Luft ist still, als atmete man kaum,und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur! Dies ist die Lese, die sie selber hält; Denn heute löst sich von den Zweigen nur, was vor dem milden Strahl der Sonne fällt. Choral: Herr, die Erde ist gesegnet von dem Wohltun deiner Hand. Güt und Milde hat geregnet, dein Geschenk bedeckt das Land: Auf den Hügeln, in den Gründen ist dein Segen ausgestreut; Unser Warten ist gekrönet, unser Herz hast du erfreut.
Autor: Das Feld ist abgeerntet. Das Unkraut lebt zwischen den braun-gelben Stoppeln ein unerwartetes zweites Leben. Der Himmel ist von einem fast unwirklich klaren Blau.
Da hinten, die zwei Apfelbäume, die so eng stehen als müssten sie sich umarmen, werfen Tag für Tag ihre Äpfel ab. Niemand erntet sie. Auch nicht die Brombeeren, die dicht gedrängt auf ihren Stielen faulen.
Am frühen Morgen ist es still auf den Gerresheimer Höhen. Der Boden unter meinen Füßen atmet. Nicht so schnell wie im Frühjahr, ruhiger als im Sommer. Es ist eher ein langsames Ausatmen. So wie man ausatmet, wenn die Arbeit getan, die Aufgabe erledigt ist. Wenn man zufrieden ist, was und wie man es getan ist. Ich spüre die Kraft, die in mir war und ich weiß: alles ist gesegnet. Hier kann ich stehen, ich habe zu essen und zu trinken, ein Dach über dem Kopf, eine Familie, Freunde, einen Beruf. Ja Herr, ich bin gesegnet von dem Wohltun deiner Hand. Und ich schaue auf in dieses unwirklich satte Blau. Choral: Aller Augen sind erhoben, Herr, auf dich zu jeder Stund, dass du Speise gibst von oben und versorgest jeden Mund. Und du öffnest deine Hände, dein Vermögen wird nicht matt, deine Hilfe, Gab und Spende machet alle froh und satt.
Autor: Der kleine Garten auf meiner linken Seite. Die vier Kürbisse liegen immer noch da. Prall und dick an ihren verwelkten Nabelschnüren. Im Salatbeet sind inzwischen alle Köpfe geschossen. Sie werden verfaulen. Wie die Äpfel auf dem Boden. Wenn es warm wird, kommen wenigstens die Wespen und halten ihre Ernte.
Ich mache mich auf den Heimweg. Der türkische Gemüsehändler hat Kisten und Kästen nach draußen gestellt. Obst, Gemüse, Fladenbrot, Oliven in bunter Mischung. Schräg gegenüber der Supermarkt. Auch er lockt vor der Glasfassade mit Pfirsichen und Weintrauben, plastiksicher abgepackt. Und Paprika so grell rot, dass ich mich frage, ob er echt ist. Und ich mag es gar nicht glauben: Erdbeeren unter Folie von irgendwo her.
Drinnen die langen Regale: Dosen, Gläser in allen Größen; Gemüse und Obst im Überfluss; die Wurst- und Fleischtheke, Brot, Brötchen alles was du willst und selbst das, was du nicht willst.
Widerstreitende Gefühle in mir: Herbst- und Ernteromatik; Gottes überfließender Segen; soviel an Essen und Trinken; wir können es uns sogar leisten, Lebensmittel bei uns verfaulen zu lassen. Und das schlechte Gewissen, dass genau das bei uns schon Alltag ist: Segen pervers. Sprecherin: Gnädig hast du ausgegossen deines Überflusses Horn, ließest Gras und Kräuter sprossen, ließest wachsen Frucht und Korn. Mächtig hast du abgewehret Schaden, Unfall und Gefahr; Und das Gut steht unversehret, und gesegnet ist das Jahr.
Autor: Ich bin sauer auf mich. Ernteromantik gegen Supermarkt. Das ist nicht fair. Natürlich genieße ich es, im Gemüseladen auch im dicksten Winter noch frische Ware zu bekommen. Und Wurst und Fleisch und alles andere, was zum guten Leben herangeschafft wird aus aller Herren Länder. Hungersnöte stehen bei uns nur noch im Geschichtsbuch und was die einen oder anderen unter uns als Mangel erleben, ist, schon wenige Flugstunden von hier entfernt, der pure Luxus.
Aber ich bin doch nicht Schuld, dass ich in einem der reichsten Länder der Erde wohne, in dem der Überfluss der Normalfall ist. Soll ich verkniffen so tun als würde ich ernsthaft das 19. Jahrhundert zurückwünschen? Die Zeit, in der dieser Choral entstanden ist? Das wäre gelogen und ein Verrat an der gesegneten Erde, die alles für alle im Überfluss hervorbringt und nicht fragt, ob wir es verdient haben.
Sprecherin: Herr, wir haben solche Güte nicht verdient, die du getan; Unser Wissen und Gemüte klagt uns vieler Sünden an. Herr, verleih, dass deine Gnade jetzt an unsre Seelen rührt, dass der Reichtum deiner Milde unser Herz zur Buße führt.
Autor: Ja, ich weiß: es gibt die hungerbäuchigen Kinder mit ihren leeren Augen; ich kenne die hitzerissigen Äcker, auf denen selbst die Erde stirbt und die verbrannten oder ersoffenen Ernten; ich kenne den marodierende Krieg, der die letzte Kuh der Armen frisst. Da fällt es schon schwer, an die gesegnete Erde zu glauben und einem Gott, der dafür gerade steht; der Überfluss schenkt; uns vor Schaden und Gefahr bewahrt und so jedes Jahr mit seinem Segen adelt. Was mache ich also mit meinem schlechten Gewissen? Da gibt es einerseits den Überfluss, von dem ich manchmal nicht so richtig weiß, wieweit ich ihn genießen darf und andererseits leben in anderen Weltregionen ganze Familien von den Müllhalden, die an den Rändern der Gigantstädte aufgeschüttet werden und aus Überflussresten bestehen. Und die ungezählten Hungertoten täglich mag ich mir erst gar nicht vorstellen. Aber dann lese ich immer wieder: die Produktion aller Lebensmittel reicht völlig aus, um alle Menschen auf der Erde satt zu machen.
Also doch. Gott hat die Erde gesegnet. Nur wir verteilen den Segen nicht, wie es sich gehören müsste. Nicht Gott ist haftbar zu machen, wenn es denn jemand täte, sondern wir hätten es in der Hand. Wir könnten Ernteromantik und Supermarktideologie miteinander versöhnen. Wir? Ich? Und wie? Vielleicht ist der erste Schritt einfach wieder Respekt zu fühlen für die Lebensmittel, Trauer zu fühlen für Obst und Gemüse, das in unseren Gärten, Feldern und Wiesen fault, weil sich niemand mehr bücken und niemand mehr pflücken mag, Ehrfurcht zu fühlen für den Rhythmus von Saat und Ernte und zu akzeptieren, dass nicht alles zu jeder Zeit verfügbar sein muss. Und faire Preise zu zahlen für die, die jenseits der großen Konzerne für uns Lebensmittel herstellen. Im Wind tanzen die Blätter.
Sprecherin: Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten; sie fallen mit verneinender Gebärde. Und in den Nächten fällt die schwere Erde Aus allen Sternen in die Einsamkeit. Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen. Und doch ist einer, welcher dieses Fallen Unendlich sanft in seinen Händen hält.
Choral: Hilf, dass wir dies Gut der Erden treu verwalten immerfort. Alles soll geheiligt werden durch Gebet und Gottes Wort. Alles, was wir Gutes wirken, ist gesät in deinen Schoß, und du wirst die Ernte senden unaussprechlich reich und groß.
Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrer Gerd Höft aus Düsseldorf über den Choral Herr, die Erde ist gesegnet Es sang die Heinrich-Schütz-Kantorei aus Lüdenscheid unter der Leitung von Mary Sherburne.
"Herr, die Erde ist gesegnet" (eg 512)
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