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Bilder-Macht
'Von da oben müsste es klappen'! Das war der Standardspruch meines Vaters. Und schon kletterte er auf eine abgebrochene Säule immer auf der Suche nach einem 'schönen Motiv'.
Diese fotografische Suche habe ich später von ihm übernommen. Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, mein Name ist Christiane Nolting und ich bin Superintendentin und Pfarrerin in Bad Salzuflen-Lockhausen.
Heute schaue ich mir ja lieber die Menschen an, die auf der Suche nach einem 'schönen Motiv' sind und die Welt durch das Objektiv oder das Display ihrer Kamera betrachten: fast stolpern sie über die Schwelle des großartigen Doms von Sevilla, treten ein, ohne den Blick von ihrem Display zu nehmen, sehen alles nur en miniature über den kleinen Bildschirm vor ihren Augen. Unruhig laufen sie durch den hohen Raum, schwenken den Apparat von unten nach oben, von rechts nach links und spätestens nach 10 Minuten verlassen sie die Kirche - ohne auch nur mit eigenen Augen gesehen zu haben, wo sie waren. Wie lösen diese Menschen zu Hause die kleinen Bilder in die große Welt auf?
Musik:
Vor so mancher Trauung dieselbe Diskussion, denn bei uns in der Kirche ist das Filmen und Fotografieren während des Gottesdienstes nicht erlaubt. Zum einen gibt es auch bei uns Pfarrern und Pfarrerinnen so etwas wie Persönlichkeitsschutz, und ich möchte nicht zigmal videofiziert werden. Zum anderen ist das Brautpaar in permanenter Anspannung ob auch alles richtig sitzt und fotogen ist, und zum dritten, und das ist mir das Wichtigste: es gibt Dinge, die sind einmalig, nicht wiederholbar und nur in den Bildern in mir verdichtet: der persönliche Zuspruch Gottes, der Segen, der über mir gesprochen wird. Oft habe ich nach solch einer Diskussion Erleichterung bei dem Brautpaar erlebt, Druck fiel von ihnen ab, Entspannung war sichtbar, sie waren offen für das, was sie im Gottesdienst erleben können.
Musik:
Bilder machen Nachrichten. Bedrückende, traurige Nachrichten zumeist. Die Bilder des 11. September 2001 beispielsweise, oder die Bilder des Tsunami und des jüngsten Flugzeugunglücks in Madrid. Jede und jeder von uns hat sein eigenes kleines Horrorkabinett im Kopf: gesehen, erlebt wo ist da der Unterschied? Es wird heiß diskutiert, welche Zusammenhänge es zwischen Gewalt in den Medien und Gewalt im täglichen Leben, in der Realität gibt. Wissenschaftler wie der Kriminologe Christian Pfeiffer sehen da klare, beweisbare Abhängigkeiten. Menschen, insbesondere junge Menschen, können nicht mehr zwischen virtueller und wirklicher Welt unterscheiden. Ihnen ist die eine oft näher als die andere. Bilder werden übermächtig und bemächtigen sich des Lebens. Eine These lautet:
Sprecher: Die permanente Inanspruchnahme des Bildgedächtnisses durch die Bilderfluten erzeugt und kompensiert die bestehenden Imaginationsdefizite.
Auf Deutsch: wir entwickeln keine eigene Phantasie mehr für unser Leben, sondern leihen uns die Bilder aus, die wir geliefert bekommen, versuchen unser Leben den Bildern anzupassen und wundern uns, dass das nicht geht, weil die Personen unserer Bilder nicht mit den Personen in unserem Leben übereinstimmen. Wir überlassen die wichtigsten Dinge im Leben anderen, sie leben stellvertretend für uns. Sie sind 'Mitten im Leben', sie erleben 'Gute Zeiten, schlechte Zeiten'. Wir leben sozusagen 'second-hand', nicht nur in der Liebe, sondern auch in unserem Glauben. Diese Art von Leben aber ist zum Scheitern verurteilt.
Musik:
Sprecher: Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solange wir sie lieben. Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken und Sternen und Meeren. Warum? So wie das All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfassbar ist der Mensch, den man liebt.... Max Frisch, Tagebuch
An Bildern, die wir uns vom anderen machen, ist schon so manche Ehe zerbrochen. An Bildern, die wir uns von Gott machen, ist schon so mancher Glaube zerbrochen. Die Bibel sagt:
Sprecher: 'Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.'
Kann das, was für Menschen gilt, auch für Gott gelten? Nach biblischer und evangelisch-reformierter Zählung ist das das 2.Gebot. Es folgt gleich dem ersten, der Selbstvorstellung Gottes:
Sprecher: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
Es muss etwas Grundsätzliches sein, das den Zusammenhang zwischen Bildern und Gott verbietet. An Bildern ist schon so mancher Glaube zerbrochen. An dem Bild eines Gottes, der rechnet und rächt, der kleinlich über uns wacht und nur darauf wartet, uns unsere Verfehlungen aufzuzählen. Es ist schon so mancher Glaube zerbrochen an dem Bild eines Gottes, der allmächtig über allem thront und Fünfe gerade sein lässt, weil's ja nicht so drauf an kommt, alles geht, alles ist erlaubt. Gott ist ja nur ein Gedanke, eine Fiktion.
Beim Bilderverbot des Alten Testaments geht es um die Vorstellungen, die wir uns von Gott machen, die wir von Gott haben. Keiner und keine von uns sage, er oder sie habe keine Vorstellungen. Von klein auf werden wir mit Vorstellungen erzogen. Und dabei fing alles so harmlos an:
Das zweite Gebot, das Bilderverbot, zielte in alttestamentlicher Zeit zuerst einmal auf ganz handfeste Bilder, die sich Menschen von Gott gemacht hatten. Der Mensch war (und ist) schwach und braucht Krücken, um zu glauben, was wir mit unseren Augen nicht sehen können. Und so machte sich das Volk Israel schon während des Aufenthalts von Mose auf dem Berge Sinai einen Goldenen Stier, um etwas Sichtbares zu haben, um es anzubeten. Dieser Stier sollte nicht Gott sein, das wussten die Israeliten sehr wohl zu unterscheiden, aber dieser Stier war ein Symbol: das sichtbare Zeichen für die Stärke und die Macht Gottes. Und nach alten religiösen Vorstellungen waren die Götter in den Symbolen gegenwärtig. Der Glaube wollte etwas zum Sehen und Anfassen. Und da geht Gott dazwischen. Der Glaube ist nicht zum Anfassen. Der Glaube kommt aus dem Hören und aus der Erfahrung der Kraft und der Stärke Gottes. Jedes Bild, jede Statue, jedes Tier und jede Pflanze, was auch immer Menschen verehren können, sie haben keine eigene Göttlichkeit, sie tragen auch nicht Gott in sich, sondern sind alle von ihm geschaffen, samt und sonders Geschöpfe. Alles ist von ihm erschaffen, kein Ding, nichts und niemand hat seine Existenz aus sich heraus. Gott lässt sich nicht festlegen, er legt fest.
Wir tragen ein Bild in uns von demjenigen, den wir zu lieben meinen. Unsere Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte werfen wir in dieses Bild - auch in das Bild, das wir uns von Gott machen. Immerhin lautet aber Martin Luthers Erklärung zum 1. Gebot.
Sprecher :Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Was ist das? Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.
Wir bekennen mit dem 1.Gebot, dass wir Gott über alle Dinge 'ehr'fürchten, lieben und vertrauen. Aber wir zwängen ihn in unsere kleinkarierten und moralischen Wertvorstellungen. Irgendwann geht dann dieses Bild kaputt, meist durch schwere, schlimme Erfahrungen in unserem Leben, die nicht in unser Bild von unserem selbst gemachten Gott passen. Oder aber durch bloße Gleichgültigkeit, weil uns dieser Gott Marke Eigenbau nichts mehr zu sagen hat, weil wir uns nichts mehr sagen lassen wollen. Und dann kommt die kritische Frage in jedem Leben: wie gehen wir damit um?
Ich kann dann die Beziehung zu Gott abbrechen, damit hat sich scheinbar das Problem erledigt. Und eine Weile mag ich mir das auch glauben, aber wenn ich ehrlich bin, muss ich mir eingestehen, dass mein Problem geblieben ist, mein Problem, denn ich habe mir ein Bild gemacht. Ich habe nur eine Chance: ich mache mich auf die Suche nach einem ehrlichen Gegenüber, keinem Bild meiner Sehnsüchte und Wünsche, sondern nach Lebendigem, das sich meinen Vorstellungen entzieht. Und auf dieser Suche liegt die Verheißung des Findens das verspreche ich Ihnen, das verspricht Ihnen die Bibel.
Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag, Ihre Christiane Nolting aus der Ev-ref. Kirche in Lippe.
Musik:
Bilder-Macht
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