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Gottes-Sehnsucht
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! In dem Buch Das schönste deutsche Wort erklären zwei Personen ihre Vorliebe für das Wort Sehnsucht.
Ein Mann und eine Frau beschreiben, was sie an dem Wort mögen. Dem Mann fällt das sich dehnende, unerfüllbare Verlangen der ersten Worthälfte auf: Seeehnsucht. Die Frau fühlt bei dem Wort, wie groß und unter Umständen auch schmerzhaft das Sehnen sein kann, dass es sich von der Suche zur Sucht entwickelt. Ich mag das Wort auch. Im Frühsommer ist es mir allerdings auf besondere Weise begegnet. Gottessehnsucht, las ich. Gottessehnsucht? Sehnsucht nach Gott? Gottes eigene Sehnsucht? Wonach sehnt sich Gott? Man kann mit dem Wort spielen. Man kann ihm auch nachgehen. Neugierig wie ich bin, habe ich in der Luther-Bibel nachgesehen, wo das Wort sehnen erscheint. In sechs Zusammenhängen fand ich es. Fünf davon möchte ich in den nächsten Tagen mit Ihnen bedenken.
In einem Psalm lese ich: Ich liege gefangen und kann nicht heraus, mein Auge sehnt sich aus dem Elend.
Ich lese die Worte und denke an eine mir bekannte Frau. Die Hoffnung hat sie aufgegeben, sagt sie. Zu viel ist ihr widerfahren. Der Mann verstarb früh. Er hinterließ sie nicht wohl versorgt, sondern mit einem Berg von Schulden. Sie muss sich sehr einschränken. Noch in Trauer erkrankte sie selber. Zweimal musste sie operiert werden. Es waren schwere Eingriffe. Sie wurde nicht gesund. Die Folgen der Erkrankung beeinträchtigen sie bis heute.
Manche sagen, sie macht es selber schlimmer. Weil sie sich so einigelt. Es stimmt, sagt sie. Sie findet sich selber oft unleidlich. Was soll ich machen, meint sie, ich kann nicht anders. Ich bin gefangen. Die Hoffnung hat sie aufgegeben, aber den Widerstand nicht. Sie streitet mit Gott. Wieso mutet er ihr das alles zu? Wieso reiht sich eine schlechte Nachricht an die andere? Immer aufs Neue die Angst. Sie greift nach ihr, wenn ein Brief mit einer Geld-Forderung eintrifft oder wenn sie zur Kontroll-Untersuchung muss. Sie findet das Leben ungerecht. Am Widerstand hält sie fest. Gott sei Dank. Denn hinter dem Widerstand versteckt sich die Sehnsucht. Eigentümlich: Die Sehnsucht wird wach, wenn es ihr gut geht.
Sie erzählte mir: Neulich haben wir auf dem Balkon gesessen, die Nachbarn und ich, und wir haben gegrillt. Es war wie früher. Sie hat sich richtig etwas gegönnt. Schaschlik-Spieße hat sie vorbereitet und mit viel Liebe selber bestückt: mit Zwiebeln, Paprika und gutem Fleisch. Ich hatte selber den Duft der frisch gebratenen Spieße in der Nase, als sie davon erzählte. Ach, seufzte sie, solche Momente müsste es häufiger geben. Merkwürdig. So ist das mit der Sehnsucht: Sie entsteht, wo ein Mensch erkennt, dass er mehr braucht, als er hat. Dann wird sie aus dem Mangel geboren. Sie entsteht aber nicht nur, wenn wir etwas vermissen. Sie entsteht auch, wenn wir genießen. Auch wenn wir die Fülle schmecken, hungern und dürsten wir nach dem Leben. Auf einmal merken wir, wie es sein könnte. Ein weiser Mann hat deshalb gesagt: Der Schmerz und das Glück, beide lehren uns weinen. Ich spüre die Sehnsucht der Frau, die ich aus ihren Worten heraus höre, und ich wünsche ihr: Möge Gott sich ihrer Sehnsucht annehmen.
Gottes-Sehnsucht
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