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Sehnsucht nach dem Gotteshaus
Liebe Hörerinnen und Hörer! Unsere alte Kirche liegt im Grünen oberhalb der Stadt. Besucher von auswärts entdecken den Turm. Sie machen sich auf den Weg.
Über Treppenstufen und Kopfsteinpflaster nähern sie sich und spazieren an der Kirche entlang. Manch einer strebt dem Eingang zu und stellt fest: Er ist verschlossen. Die Hartnäckigen rütteln an der schweren Holztür, bevor sie sich abwenden. Ab und an beobachte ich Besucher, die in das Innere der Kirche schauen wollen. Donnerstags und samstags ist die Kirche geöffnet, rufe ich ihnen zu, und natürlich am Sonntagmorgen. Die ins Bild Gesetzten bedanken sich für den Hinweis und gehen weiter. Ob sie wiederkommen?
Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn. In den Psalmen erzählt jemand davon, wie es ihn zum Tempel zieht. Dort möchte er sich aufhalten in den Vorhöfen, an den Altären. Schon an der Schwelle meint er, mit allem Guten in Berührung zu kommen, das drinnen auf ihn wartet.
Es hat eine Weile gedauert, bis Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Gemeinde gespürt haben: Auch heute sehnen sich Menschen danach, Gottes Wohnungen zu betreten. Was wollen sie dort, wenn kein Gottesdienst gefeiert wird? fragt sich der evangelische Christ. Wollen sie ihre Neugier befriedigen? Die Geschichte des Gebäudes begreifen? Kunstgegenstände betrachten? Ja, dies alles sind Beweggründe, in die Kirche hineinzuschauen. Aber es gibt einen weiteren. Erst nach und nach haben die Hüter des Gotteshauses ihn verstanden. Viele Besucher folgen ihrer Sehnsucht. Wo Kraft zur Neige geht, wird neuer Segen erbeten: Ach, Herr, erbarme dich. In unbehausten Zeiten sucht man ein Nest: Lass mich Zuflucht finden bei dir. Die Kirche kann etwas wie ein Schutzraum sein, geformt aus dem Glauben der Menschen vor mir und neben mir. Anscheinend haben die Protestanten ihren Kirchen zu wenig zugetraut aus Angst, ihnen zu viel Macht und Magie zuzuschreiben. Dabei kann das Äußere mir zur Innerlichkeit verhelfen.
Selbst die schlichte, alte Kirche auf dem Berg stellt eine Welt dar, die einem den Glauben nahe legt. Man betritt sie durch ein Portal am Fuß des Turms. Durchquert man den Vorraum, führt einen der Weg unter den Glocken her. Die Glocken rufen zum Beten, auch wenn sie schweigen. Auf der Schwelle zum Hauptraum fällt der Blick auf das Taufbecken. Es bildet die erste Anlaufstelle. Man muss ein Stück gehen, bevor man es erreicht. Dann kann man inne halten und sich auf den Quellgrund der Gnade besinnen. Gereinigt und erfrischt bewegt man sich zur Mitte hin. In der Mitte steht der Tisch. Der Tisch ist gedeckt mit dem Brot des Lebens: mit den Worten der Heiligen Schrift. Auf der anderen Seite des Tisches, gegenüber vom Taufbecken, steht eine große Kerze, die Osterkerze. An ihr nehme ich das Licht der Welt wahr, bevor ich die Kirche auf einem anderen Weg verlasse und mich der Welt wieder zuwende. Die Mauern der Kirche sind dick. Deutlich vollziehe ich den Übergang von draußen nach drinnen und von drinnen nach draußen. Die Kirche wird für Gäste dann geöffnet, wenn ein Gastgeber sie begrüßen kann. So sollen die Wohnungen Gottes geschützt werden. So sollen sie aber auch zum Sprechen gebracht werden. Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn.
Sehnsucht nach dem Gotteshaus
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