Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.09.08, Pastorin Wiltrud Holzmüller

Sehnsucht nach der Gemeinde

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer!Kann man sich nach einer Kirchengemeinde sehnen? Sehnsucht ist ein Gefühl, das ich eher mit Personen verbinde.

Ich sehne mich nach dem Menschen, den ich liebe. Ich möchte Zeit mit ihm verbringen, ihn sehen, hören, anfassen, mit ihm reden. Wenn er fort ist, vermisse ich ihn. Eine Frau, die ihren Mann verloren hat, sagt zu mir, dass sie Heimweh empfindet, wenn sie an ihn denkt. Heimweh ist ein anderes Wort für Sehnsucht. Sehnen kann ich mich auch nach Familienmitgliedern und Freunden. Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen. Wann setzen wir uns wieder einmal zusammen? Wäre es nicht schön, in Ruhe miteinander zu sprechen? Mit Familienmitgliedern teile ich dieselben Wurzeln. Freunde wiederum haben auch Anteil an meiner Lebensgeschichte, manche länger, manche kürzer, einige oberflächlicher, andere sehr viel tiefgründiger. Frauen und Männer jenseits der Achtzig klagen darüber, dass es einsamer um sie wird. Sie vermissen die Verwandten und Freunde, mit denen sie sich erinnern können. Im Erzählen bleibt auch gelebtes Leben lebendig und gegenwärtig. Nach einem Partner oder einer Partnerin, nach Verwandten und Freunden kann ich mich sehnen. Aber nach einer Gemeinde?

Der Apostel Paulus schreibt in einem Brief an die Gemeinde in Philippi, dass er sich nach den Christen dort sehnt. Paulus hat viele Gemeinden gegründet. Den Kontakt hält er durch Besuche und Briefe. Manchmal klingt in einem Brief an, dass er lieber persönlich gekommen wäre. Den Christen in Philippi sagt er, dass er regelrecht Sehnsucht empfindet. Er nennt sie seine Freude und seine Krone. Deutlicher kann Paulus kaum zum Ausdruck bringen, wie wertvoll sie ihm sind. Woher rührt die Sehnsucht?

Paulus hat die Gemeinschaft mit den Christen in Philippi als ein Geben und Nehmen erlebt. So war es von Anfang an. Paulus gab, was er zu geben hatte, das Evangelium. Die Gemeinde unterstützte ihn, wenn er finanziell in Not kam. Inzwischen hat Paulus Mitarbeiter bei sich, die die Gemeinde abgeordnet hat. Briefe gehen hin und her und mit ihnen Segenswünsche und guter Rat. Paulus kann berichten von dem, was ihn bedrängt und was ihn im Glauben stärkt. Die Gemeindemitglieder legen ihm ihre Probleme vor und ermutigen ihn durch ihren Einsatz.

Paulus und die Christen in Philippi sind ein wirkliches Gegenüber füreinander. Sie sind sich nicht nur sympathisch. Sie bereichern sich durch die Geschichte, die sie jeweils mit Gott haben. Paulus möchte, dass das so bleibt: Steht fest in dem Herrn, bittet er. Ich teile die Sehnsucht von Paulus. Mir geht es als Christin gut, wenn ich auf Menschen treffe, mit denen das Geben und Nehmen gelingt. Genauer gesagt: Das Geben und Nehmen als geistlicher Austausch. Ich brauche es, dass mir andere von ihrem Glauben erzählen. Wie haben sie Gott erfahren? Wie mit seiner Hilfe ihr Leben bewältigt? Ich möchte auch freimütig über das sprechen können, was mir Mühe macht und meinen Glauben angreift - oder was ihn stärkt. Manchmal treffe ich diese Gesprächspartner in meiner Gemeinde, manchmal jenseits davon. Die Sehnsucht danach, Christen zu begegnen, bleibt wach, weil sie das gleiche lieben wie ich. Sie haben die gleichen Wurzeln, pflegen die gleichen Erinnerungen, hegen ähnliche Hoffnungen.

Paulus bringt das so zum Ausdruck: Steht fest in dem Herrn, ihr Lieben, meine Freude und meine Krone, meine lieben Brüder, nach denen ich mich sehne.

Audiobeitrag Sehnsucht nach der Gemeinde


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