Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.09.08, Pastorin Wiltrud Holzmüller

Sehnsucht nach dem Wort

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer!Wie ist das, wenn um 8 oder 9 Uhr noch niemand ein Wort mit einem gesprochen hat? So von Angesicht zu Angesicht.

Niemand hat einen guten Morgen gewünscht. Es hat auch keiner gefragt, ob man die Zeitung schon aus dem Briefkasten geholt hat. Es herrscht Schweigen. Nun kann Schweigen wohltuend sein. Lärm macht oft krank. Und doch wirkt Stille gelegentlich bedrückend. Es fehlt das Gegenüber. Niemand freut sich an mir und erleichtert es mir, mich über mich selber zu freuen. In meiner Heimatstadt geht die eine oder der andere morgens gerne einkaufen. Mit der Verkäuferin in der Bäckerei oder im Reformhaus kann man ein paar Worte wechseln, jedenfalls wenn man Stammkunde ist. Man wird etwas los, und man wird etwas gewahr, so sagt man bei uns.

Sehnen kann man sich freilich nicht nur nach dem gesprochenen Wort. Auch Geschriebenes kann zum Ziel der Sehnsucht werden. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich frisch verliebt war. Damals waren wir als Paar für zwei Wochen getrennt. Der eine befand sich im Ausland, der andere zu Hause. Es hat uns viel Freude gemacht, SMS hin- und herzuschicken. Morgens der Blick aufs Handy, ob schon eine Nachricht da ist. Abends nachschauen, ob ein Gute-Nacht-Gruß angekommen ist. Die schriftlichen Kurz-Mitteilungen bedeuteten mir so viel, dass ich sie anfangs nicht gelöscht habe. Irgendwann musste ich es. Der Speicher war voll. Ältere Gemeindemitglieder zeigen mir gelegentlich Briefe oder Karten, die sie aufbewahrt haben. Ein Paar, das Diamantene Hochzeit feierte, legte mir Feldpostkarten auf den Tisch, nicht nur mit Zeilen beschrieben, sondern auch bebildert. Der junge Bräutigam hatte die kolorierten Bilder mit Tusche gezeichnet. Ich finde: Im Geschriebenen kann man einander fast so gegenwärtig sein wie im gesprochenen Wort.

Weil Geschriebenes Ziel der Sehnsucht werden kann, können es auch die Worte der Bibel. In den Psalmen bekennt jemand: Meine Augen sehnen sich nach deinem Wort, Gott. Die Augen sehnen sich, nicht nur die Ohren. Es macht dem Beter Freude, in Gottes Worten zu lesen. Er lässt den Blick über die Spalten schweifen. Die Augen folgen den Buchstaben, den Zeilen, erfassen Worte, Sätze, Zusammenhänge, Sinn.

Manchmal müssen die Augen lange suchen, bis sie das Wort gefunden haben, das jetzt für mich bestimmt ist. Der Beter fragt: Gott, wann tröstest du mich? Die Zeit wird ihm lang. Die Augen werden müde. Das Herz tut weh. Doch er forscht weiter. Er wartet auf Trost. Wenn er auf Trost wartet, dann muss das nicht heißen, dass er traurig ist. Den Zornigen wird es trösten, wenn seiner Klage Raum gegeben wird. Endlich. Hier macht sich jemand Luft, so wie man es selber auch gerne tun würde. Den Ängstlichen wird es trösten, wenn ihm Mut zugesprochen wird: Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir. Jemand, der nach Gerechtigkeit hungert, kann es als Balsam empfinden, in Gottes Geboten zu lesen. Seht ihr, so soll es nach Gottes Willen in der Welt zugehen. Jemand, der glücklich ist, findet Worte, die ihm erlauben, zu jubeln. Halleluja.

Immer wird es so sein, dass Gott durch das geschriebene Wort zum Gegenüber wird. Mir gegenüber sagt er das, was ich mir selber nicht sagen kann: dass er sich an mir freut, dass ich getrost leben kann. Das Wort, das ich brauche, das ich jetzt von ihm brauche, wird mich finden. Meine Augen sehnen sich nach deinem Wort.

 

Audiobeitrag Sehnsucht nach dem Wort


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