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Sehnsucht nach Gerechtigkeit
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! In einem Buch lese ich von einer Frau aus dem brasilianischen Bergland. Sie gehört zu den Armen im Lande.
Eines Tages sucht sie Hilfe für ihr Baby. Das kleine Kind ist schwer krank. Die Frau fährt mit dem Bus in die Stadt. Sie geht von Krankenhaus zu Krankenhaus. Doch überall wird sie abgewiesen. Offenbar fehlen die nötigen Papiere. Nachts fährt sie mit dem Bus zurück. Sie spürt, dass es dem Kind schlechter geht. Auch an seinem Gesicht sieht sie es, als der Bus unter einer Laterne hält. Das Kind stirbt noch während der Fahrt. Bis zur Endstation hält die Mutter es in ihren Armen. Jahre später spricht sie mit einer Ordensschwester über diesen Tag und über diese Nacht. Die Ordensfrau empfindet Mitgefühl: Wie können Sie das nur ertragen? fragt sie. Die Frau antwortet: Lassen Sie nur, Schwester! Eines Tages wird sich das ändern. Gott hilft Leuten wie uns. Gott hilft Leuten wie uns. Solch eine große Sehnsucht leistet sich die Frau. Es ist faszinierend: Sie, die so gut wie nichts hat, gönnt sich doch eine weit ausgreifende Hoffnung. Andere träumen sich an Orte hier auf der Erde, die ihnen wie ein Paradies erscheinen. Die Frau setzt auf Gottes neue Welt.
Die Bibel gibt der Brasilianerin Recht. Sie ist voll von Geschichten, in denen Gott die Sehnsucht der Gedemütigten wahrnimmt und nährt. Gott hört das Schreien der Israeliten unter der Fron in Ägypten. Er lässt die Profeten ihre Stimme erheben für Frauen und Kinder, die um ihr Recht gebracht wurden. Als Jesus den Menschen am See Genezareth sagt, sie sollten sich nicht sorgen um das, was sie essen werden, gibt er den Armen das Gefühl, sie könnten wie Könige leben. Denn Gott weiß, wessen ihr bedürft. Ich denke mir: Allein um der Brasilianerin willen möchte ich mir keine kleinere Sehnsucht leisten als sie selber. Sie steht für die vielen, deren Leben hier auf der Erde in einer Sackgasse zu enden scheint. Im Angesicht dieser Menschen die Hoffnung auf einen guten Ausgang preiszugeben, käme mir vor wie ein Verrat.
Zum Beispiel meine Nachbarn. Die Familie stammt aus Afghanistan. Die Eltern sind vor Jahren vor den Taliban geflohen und haben ihre drei Kinder auf abenteuerliche Weise nach Deutschland gebracht. Die Situation der Eltern empfinde ich als bedrückend. Sie sind nie wirklich heimisch geworden und können doch auf keinen Fall zurück. Durch den Krieg sind sie traumatisiert. Ihr Deutsch ist schlecht. Arbeit zu finden, gelingt ihnen so gut wie nie. Fast möchte man sagen: Eine verlorene Generation. Alle Hoffnung richtet sich auf die Kinder, die es einmal besser haben sollen. Menschen wie das afghanische Ehepaar habe ich vor Augen, wenn ich sage: Das Ziel am Ende der großen Reise muss Gottes neue Welt bleiben. In den Psalmen finde ich ein ermutigendes Bild. Dort wird Gott vorgestellt als jemand, der auf einem Thron sitzt. Entsprechend abgehoben und starr erscheint er denen, die sich auf der Erde bewegen. Den Satten und den Hungrigen, beiden erscheint er so. Doch dann hält es Gott nicht mehr auf seinem Sessel. Er setzt sich selber in Bewegung. Auf einmal ist er ganz präsent. Man kann ihn nicht mehr übersehen. Das Ziel, das er sich auf seiner Reise setzt, ist klar: Weil die Elenden Gewalt leiden und die Armen seufzen, will ich jetzt aufstehen, spricht der Herr, ich will Hilfe schaffen dem, der sich danach sehnt.
Sehnsucht nach Gerechtigkeit
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