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Sehnsucht nach einem Leben bei Gott
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Jeden Morgen der Moment vorm Kleiderschrank: Was ziehe ich an? Ich kenne eine junge Frau, die sich sehr gerne umkleidet.
Immer achtet sie darauf, passend angezogen zu sein. Wenn wir mit dem Hund spazieren gehen wollen, zieht sie sich rasch eine andere Hose an. Entschließen wir uns am Abend spontan dazu, auswärts zu essen, macht sie sich fein. Andere würden einfach die Sachen anlassen, die sie gerade tragen. Aber sie würdigt jedes Ereignis durch die angemessene Kleidung. Mit großer Ruhe und Selbstverständlichkeit nimmt sie sich dafür Zeit. Ein wenig ähnele ich ihr. Nicht, dass ich so viel Aufmerksamkeit auf meine Kleidung verwenden würde. Die Konsequenz der jungen Frau bringe ich nicht auf. Aber auch ich kann lange vorm Kleiderschrank stehen und mich fragen: Wie möchte ich denn heute auftreten? Will ich lässig erscheinen oder eher die Form wahren? Was steht mir gut? Worin fühle ich mich heute wohl?
Äußerlichkeiten sind wichtig in unserer Gesellschaft. Glücklicherweise haben wir es ja auch weitgehend selbst in der Hand, wie wir auftreten wollen. Aber es gibt Momente in unserem Leben, da stößt unsere Selbstbestimmung an Grenzen. Da bestimmen wir nicht mehr, wie wir erscheinen sollen. Am nachdrücklichsten wird das sein, wenn wir gestorben sind. Mag sein, dass dann andere darauf achten, dass unser Körper seine Würde behält. So kenne ich es aus vielen Familien. Gott sei Dank. Ehefrauen wählen einen Anzug für ihren Mann aus, erwachsene Kinder ein Kleid für die Mutter. Manche entscheiden sich bewusst für ein Leichenhemd. Bei allzu vielen Menschen auf dieser Erde fragt leider niemand danach, wie sie im Tod erscheinen. Ihr Leib wird geschändet, entblößt, vernachlässigt, verworfen.
Der Apostel Paulus macht sich ebenfalls Gedanken darüber, wie er im Tod aussieht. Ihn beschäftigt allerdings nicht die Frage, wie sich sein Leib den anderen Menschen darstellt. Er kümmert sich darum, wie sein Leben vor Gott erscheint. Es wird offen vor Gott da liegen, da ist er sich sicher. Er, Paulus, wird nichts verhüllen können, nichts bemänteln können. Nackte Tatsachen hat er zu erwarten. Jede Deckung wird ihm genommen.
Aber damit ist das letzte Wort nicht gesprochen. Paulus erwartet, dass Gott sein Leben gnädig umhüllt. Alle Blößen, die er sich gegeben hat, wird Gott bedecken. Nicht entstellt soll sein Leben bleiben, sondern umschmeichelt. Gott wird ihn neu einkleiden. Er wird das passende Gewand für das Himmelreich um seine Schultern legen: warm und weich wie ein Wollstoff, zart und festlich wie eine Robe. Wir sehnen uns danach, sagt Paulus, die himmlische Wohnung wie ein Kleid überzuziehen. In den vergangenen Monaten haben Menschen in unserem Land offen gelegt, wie sie sich ihr Sterben wünschen.
Eine Frau um die achtzig nahm sich das Leben, weil sie einem eventuellen Aufenthalt in einem Pflegeheim entgehen wollte. Sie suchte Hilfe bei einem früheren Hamburger Innensenator. Deshalb ging ihre Geschichte durch die Medien. Etwa zeitgleich feierte in meinem Heimatort der ehrenamtliche ambulante Hospizdienst sein zehnjähriges Jubiläum. Die Mitarbeiterinnen sagen: Sie versuchen nicht, dem Leben mehr Tage zu geben, wohl aber den verbleibenden Tagen mehr Lebensqualität. Deshalb unterstützen sie Menschen in ihrem Wunsch, ihre letzte Lebensphase in vertrauter Umgebung zu verbringen. Sie setzen dabei auf die Palliativmedizin. Ihr Name leitet sich her von lateinisch pallium, auf deutsch Umhang. Menschen sollen sich umsorgt fühlen, möglichst schmerzfrei und selbstbestimmt bleiben. Es wird viel gesprochen über die Sehnsucht nach einem guten Sterben. Zu recht. Paulus erinnert an eine weitere Sehnsucht, an die Sehnsucht nach einem guten Leben - bei Gott.
Sehnsucht nach einem Leben bei Gott
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