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Würdest du mich behalten?
Am Samstag Abend stand sie an der Straßenbahnhaltestelle. Ein bisschen ungeschickt und etwas aufdringlich geschminkt.
In nicht gerade billigen, aber unglücklich zusammen gestellten Klamotten. Und dick, ja, richtig dick, fast schon unförmig. Dazu angetan mit einem T-Shirt, auf dem in knalligen Buchstaben die Frage prangte: Wenn ich dir nach Hause folge würdest du mich behalten?
Was ist das? Erste Möglichkeit: Selbstironie, vielleicht schon Zynismus. Dick und unansehlich, wie ich nun mal bin, leiste ich mir wenigstens die kleine Provokation, jedes männliche Wesen, das mit begegnet, mit der Frage zu konfrontieren, ob ich ja was? Akzeptabel bin? Vorzeigbar? Brauchbar? Um damit vielleicht die zweite, weiter gehende Frage auszulösen: Warum eigentlich nicht?
Aber für solche Art Provokation muss man schon ziemlich viel Mumm haben. Und danach sah mir die junge Frau am Samstag Abend an der Straßenbahnhaltestelle eigentlich nicht aus. Also zweite Möglichkeit: Verzweiflung. Und zwar schon eine mit einem mindestens leichten Beigeschmack von Prostitution. Würdest du mich behalten? Also noch nicht einmal: bei dir behalten, sondern schlicht: behalten. Behalten wie das praktische Regal vom Möbel-Discounter, wo der Boden auch mit drei statt vier Imbusschrauben hält und man trotz ein paar kleinen Fehlern auf den Umtausch verzichtet. Überlegs dir, Mann, andere sind schlanker als ich, aber die lassen sich nicht so leicht abschleppen, und mich kann man behalten.
Was ist der Mensch, heißt es in den biblischen Psalmen, dass du seiner gedenkst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott. Mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Dahinter steckt ein Begriff von Menschenwürde, der den unverlierbaren Wert jedes Einzelnen in den Vordergrund stellt. Bei uns hingegen hat schon verloren, wer nicht jung, nicht schön, nicht schlank ist. Im Rahmen einer gut gemeinten Kampagne des Gesundheitsministeriums hat die Schauspielerin und Sängerin Jeanette Biedermann unlängst ein paar hundert weiblichen Tee-nies zugerufen: Es schadet nichts, wenn ihr ein paar Pfund mehr auf den Hüften habt. Als jemand zurückfragte: Würden Sie dann noch Rollen kriegen? musste die Veranstaltung wegen eines akuten Glaubwürdigkeitsproblems beendet werden.
Da Jesus Christus nun mal auch für die Dicken und die Hässlichen gestorben ist, bezieht der Mensch seine Würde aus seinem Menschsein und nicht aus einer Vermarktungsfähigkeit, die ab einer bestimmten Gewichtsgrenze selbst Madonna in eine Altlast verwandelt. Christinnen und Christen haben deshalb eigentlich keine andere Wahl, als die herrschenden Schönheitsideale als das zu bezeichnen, was sie sind: ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Würdest du mich behalten?
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