Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.09.08, 10.00 Uhr, Pfarrerin Johanna Krumbach

Gemeinschaft

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!
Sportbegeistert bin ich nicht so sehr. Ich nehme zwar die großen Sportereignisse wahr – wie z.B. letzten Monat die Olympischen Spiele in Peking. Fasziniert haben mich aber die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland vor zwei Jahren und die diesjährige Europameisterschaft. Mehr als die spielerische Leistung unserer Mannschaft hat mich jedoch ein ganz anderes Phänomen während dieser Zeit beeindruckt  - das Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich sehr schnell entwickelt hatte. Ich hatte den Eindruck, das ganze Land stand hinter seiner Mannschaft und die Stimmung war über Wochen hinweg sehr positiv und optimistisch. Der Fußball schuf in dieser Zeit so etwas wie eine gemeinsame Basis – etwas, das viele miteinander verbunden hat – unabhängig vom gesellschaftlichen Status.

Besonders beeindruckt hat mich ein türkischer Mitbürger. In einem Fernsehinterview vor dem Spiel Deutschland gegen die Türkei sagte er, als Türke mit deutscher Staatsangehörigkeit könne er heute eigentlich nur gewinnen – egal welche Mannschaft die meisten Tore schieße.

Liebe Gemeinde, meistens geht es ja ganz anders zu in unserem Land, in unserer Gesellschaft. Der Eigennutz scheint höher im Kurs zu stehen als der Gemeinnutz. Das Individuum zählt und seine Interessen, weniger der Blick auf das Ganze und die Kompromisse, die da zu schließen sind. Außerdem: Jeder Mensch hat ja auch eine ganz eigene Sicht der Dinge und kann –aus seiner Warte - dann alles sehr differenziert beurteilen. Das Ergebnis:  nur in wenigen Punkten sind einmal alle einer Meinung. Außerdem ist es uns doch sehr wichtig, unsere Unterschiede festzustellen und daran festzuhalten.  Es soll doch zum Beispiel deutlich werden, wer ein geborener Bürger oder eine Bürgerin dieses Landes ist und wer als Zugezogener mit Migrationshintergrund in diesem Land lebt. 

Auch in den Schulen wird sehr schnell deutlich – und jeder legt auch Wert auf diese Unterscheidung -, wer ein Kind aus gutem Hause ist und wessen Eltern sich nur mit Hilfe von Hartz IV über Wasser halten können. Unterschiede sind wichtig und werden betont, besonders von denen, die sich auf der besseren Seite des Lebens wähnen. Gemeinsamkeiten zu finden oder herzustellen, ist dagegen nicht so populär und auch recht mühsam.

Wie gut wäre es dann, wenn wir Christen an diesem Punkt sagen könnten: „Ja, da gibt es ein gesellschaftliches Problem, aber bei uns in der Kirche, da weht ein anderer Wind. Hier herrscht der Geist Gottes, der uns lehrt, alle gemeinsam mit einer Stimme zu sprechen und jeden Menschen gleich zu behandeln, weil wir wissen: vor Gott sind alle Menschen gleich. Die christliche Wirklichkeit ist eben eine andere als die weltliche – wir sind in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt.“

Liebe Gemeinde, aber wenn wir ehrlich sind, dann verhält es sich auch bei uns nicht viel anders als in der Gesellschaft. Auch wenn wir uns unsere Kirchengemeinden anschauen, selbst hier wird nicht immer mit einer Stimme gesprochen. Die meisten von Ihnen werden das aus ihren eigenen Kirchengemeinden kennen. Fast jeder Ort hat verschiedene Kirchen oder gar Gebetshäuser, die ihre jeweilige Konfession und ihre Tradition haben. Längst geht es über die einfache Unterscheidung von evangelisch und katholisch hinaus. Die Palette reicht von den Evangelisch-Lutherischen über die Evangelisch – Reformierten, die Baptisten, die Methodisten, die Menoniten bis hin zu den Adventisten oder den Orthodoxen Kirchen. Immer häufiger finden sich auch – wie z.B. hier bei uns in Augustdorf – Moschee-Gemeinden. Und die Unterschiede dieser Kirchen und Glaubensgemeinschaften sind doch sehr deutlich – auch innerhalb der christlichen Konfessionen.

Auch die einzelnen Christen haben ganz verschiedene Ansichten- auch wenn sich sicherlich alle darin einig sind: Jesus Christus ist die Mitte der Gemeinde. Aber bei der Schriftauslegung, bei der Gestaltung des Abendmahls, bei der Stellung der Frau oder bei dem Amtsverständnis der Geistlichen finden sich doch auch untereinander noch große Differenzen.

Für mich ein unbefriedigender Zustand. Wie könnte er überwunden werden? Der Apostel Paulus schreibt  im 4. Kapitel seines Briefes an die Gemeinde in Ephesus folgendes:

So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen. Einem jeden aber von uns ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi.

Orgel-Zwischenspiel

Liebe Gemeinde! Demut, Sanftmut und Geduld  in der Liebe, das sind die Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die uns Paulus ans Herz legt. Sie helfen uns, den anderen zu tragen und wohl auch manchmal zu ertragen.

Zunächst die Demut. Ein alter, kaum noch gebräuchlicher und wohl auch nicht sehr beliebter Ausdruck. Mutig möchten wir alle sein, aber demütig…? Und doch hat Paulus sie damals der Gemeinde in Ephesus und uns heute aufgetragen. Jesus selbst hat diese Demut gelebt. Am deutlichsten wird sie in der Szene im Garten Gethsemane wenige Stunden vor seiner Gefangennahme und Kreuzigung, wo er spricht: „Vater, nimm diesen Kelch von mir; doch nicht was ich will, sondern was du willst.“ (Mk14,36)

Für Jesus steht Gottes Wille an oberster Stelle, nicht sein eigener. Wie oft erleben wir,  innerhalb der verschiedenen Konfessionen, aber auch in unseren eigenen Reihen, dass der Wille Gottes, den wir so vollmundig verkündigen, letztendlich nur unser eigener Wille ist. Denn oft genug wissen wir gar nicht, was nun wirklich konkret der Wille Gottes ist –  an dieser Stelle sollten wir demütig sein und dieses auch zugeben. Die biblischen Texte, durch die Gott zu uns spricht, können oft in sehr unterschiedlicher Weise ausgelegt werden – und wer vermag wirklich zu sagen, seine Auslegung sei die einzig wahre und richtige.

Das Zweite ist die Sanftmut – auch so ein Begriff, der uns heute fremd geworden ist. Und doch ist Sanftmut gefordert, wo sich die Fronten zu verhärten scheinen. In den alltäglichen Situationen unseres Lebens wie auch innerhalb der Kirchen und der Konfessionen. Wer nur auf seiner eigenen Position und seiner eigenen Interpretation verharrt, wer die andere Meinung nicht mehr achtet, wer nicht bereit zum Dialog und zum Austausch ist, der bleibt allein und kündigt so, Schritt für Schritt, die geschwisterliche Eintracht auf.

Natürlich haben wir selbst in der christlichen Kirche verschiedene, manchmal ganz und gar entgegen gesetzte Ansichten. Zum Beispiel zum Thema Taufe und Abendmahl, zur Wortverkündigung u.ä. Dennoch ist es wichtig, mit unseren Glaubensgeschwistern darüber im Gespräch  zu bleiben, und wo keine Einigung erzielt werden kann, die andere Meinung in gegenseitigem Respekt bestehen zu lassen. Gottes Wille wird sich in dieser Welt schon durchsetzen, ungeachtet unseres Kleinmuts und unserer Engstirnigkeit.

Demut, Sanftmut und dann noch die Geduld. Die ist wohl immer vonnöten – sowohl mit den anderen, als auch mit uns selbst. Geduld, die aus der Liebe zu unseren Mitmenschen wächst, schenkt uns innere Ausgeglichenheit und Ruhe und macht unsere Herzen offen und weit für die Ansichten und Träume der anderen.

Demut, Sanftmut, Geduld in der Liebe, die sollen uns – so Paulus, zu dem eigentlichen Ziel all unserer Anstrengungen führen: der Einigkeit. Oder wie er schreibt: zu einem Leib und einem Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

Liebe Gemeinde, Paulus kennt die Differenzen und Konflikte, die überall dort entstehen, wo Menschen sich engagiert für eine Sache einsetzen. Das hat er in den verschiedenen Gemeinden, die er bereist hat, allzu oft erfahren -  auch in der Gemeinde in Ephesus. Bis heute hat sich darin wenig geändert. Obwohl Paulus sich dieser Realität bewusst ist, versucht er uns an unsere gemeinsame Basis, an unsere Wurzeln zu erinnern.

Natürlich ist vieles strittig, aber eben nicht alles. Grundlegend gilt: ein Herr – ein Glaube – eine Taufe. Das ist unsere Grundlage, unsere Basis, auf der wir uns bewegen. Darin sollten wir uns einig sein: wir glauben an den einen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der sich uns in seinem Sohn Jesus Christus offenbart hat, und der mit seinem heiligen Geist auch heute noch unter uns lebendig ist und wirkt.
Dieser eine Glaube ist grundlegend und er lässt uns einander auf gleicher Ebene begegnen. Dieser Glaube ist einzigartig – man kann nichts anderes daneben glauben. 

Wenn dieser eine Herr und dieser eine Glaube die Grundlage unseres Lebens sind, dann hat auch die eine Taufe Bestand, egal ob sie an Kindern oder Erwachsenen vollzogen wird. Auch innerhalb unserer Gemeinden treffen wir immer wieder auf Vorbehalte anderen gegenüber, sei es in Glaubensfragen oder in Fragen des gesellschaftlichen Status. Und wie oft beharren wir auf unsere eigene Meinung. Es tut gut, sich dann bewusst zu machen, dass man dem anderen auf gleicher Stufe begegnet – verbunden durch den einen Glauben an den einen Herrn und die eine Taufe.  Auf dieser Grundlage sind  alle anderen Differenzen und Streitigkeiten bedeutungslos. Wer das Wesentliche und Grundlegende nicht aus den Augen verliert, der kann sich auch in einem gemeinsamen Gespräch über bestehende Differenzen einigen. Und als letztes Mittel hilft es vielleicht einfach, den andren in geschwisterlicher Liebe mit zu tragen oder auch nur zu ertragen.

Paulus macht uns auf die Grundlage unseres Glaubens aufmerksam. Er erinnert uns an diese Gemeinsamkeit. Bei all dem, was uns unterscheidet, dürfen wir nicht vergessen, was uns eint.-  Es gibt eine grundlegende Wahrheit, aus der wir alle leben können. Erinnern wir uns an diese gemeinsame Basis, dann werden wir auch unsere Differenzen in den Griff bekommen. Denn nur so wird aus Trennendem  Gemeinsamkeit und aus Vielfalt Reichtum und wir können den einen Gott und Vater aller erfahren, der da ist über allen und durch alle und in allen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 26.10.2008 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Ev. Hauptkirche in Rheydt übertragen. Die Predigt hält Pfarrerin Pfarrerin Christiane Münker.


 


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