Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.09.08, Pfarrer Gerd Höft

Das Geheimnis des Dankes ist die Erinnerung

Choral: Mein erst Gefühl sei Preis und Dank, erheb ihn, meine Seele! Der Herr hört deinen Lobgesang, lobsing ihm, meine Seele.

Autor: Mit diesem Choral wünsche ich Ihnen einen wunderbaren Sonntagmorgen. Herzlich willkommen beim Geistlichen Wort. Ich heiße Gerd Höft, bin Pfarrer und wohne in Düsseldorf. Der Choral, dessen erste Strophe Sie eben gehört haben und der uns durch die nächsten Minuten begleiten wird, gibt das Thema vor: es geht ums Danken und wie man es lernen kann. Ich bete abends. Das ist der Normalfall. Vor langer Zeit habe ich mir vorgenommen: mein Gebet - zumindest der Schluss - soll dem Dank an Gott gewidmet sein. Das gelingt meistens. Schließlich liegt dann ein Tag hinter mir. Ich hab ihn überlebt, auch wenn die Probleme sich häuften; oder ich hab ihn genossen, weil alles –wie man so schön sagt – flutschte. Und ich mit Gott und der Welt zufrieden sein konnte. Oder anders gesagt: Was schief gelaufen ist, ist halt schief gelaufen, aber was gelungen war, war halt gelungen.

Es gibt aber Zeiten, in denen der Tag zu hart war, die Sorgen und der Kummer zu groß. Das sind die Zeiten, in denen ich den Tag nur rumbringen wollte – je schneller desto besser – und einfach nur versacken wollte im Schlaf. Wenn ich mich dann dennoch zum Danken gezwungen habe, war das eine ziemlich unehrliche Angelegenheit. Ich hoffe, Gott hat mir das dann nachgesehen. Meistens hab ich das Danken dann doch weggelassen. Und dann gibt es Morgen, da mache ich die Augen auf und es ist hell in mir, auch wenn’s draußen noch dunkel ist. Da merke ich, da ist was geschehen. Der Tag ist noch gar nicht richtig da und schon fühlt er sich leicht an. Das sind für mich besonders kostbare Momente. Fast unwillkürlich falte ich dann meine Hände und habe die eben gehörte Liedstrophe auf den Lippen:

Sprecherin: Mein erst Gefühl sei Preis und Dank, erheb ihn, meine Seele! Der Herr hört deinen Lobgesang, lobsing ihm, meine Seele!

Autor: Das, was bedrohlich, eckig und sperrig auf meiner Tageslaufbahn liegen wird, verliert schon seine Schärfe und seinen bitteren Vorgeschmack. In diesen wirklich kostbaren Momenten weiß ich: diesen Tag werde ich schaffen und nicht er mich. Ich weiß: mir wird gelingen, was ich mir vorgenommen habe. Und ich spüre: Gott wird meinen Lobgesang gehört haben, auch wenn er nur Sekunden dauern mochte. Es hat schon was, den Tag mit einem Dank an Gott zu beginnen. Da kann ich den kommenden Stunden gleich so etwas wie ein positives Vorzeichen verpassen. Lieber Tag, könnte ich dann sagen, wenn du mir heute krumm kommen willst, musst du dich erst einmal gegen mein Dankgefühl durchsetzen. Und das wird dir nicht leicht fallen; denn alles in allem habe ich erheblich mehr Grund zum Danken als zum Klagen. Auf den Punkt bringt das – wie so oft - ein Psalm. Hier sind es Verse aus dem 103.

Sprecherin: Lobe den Herrn, meine Seele und was in mir, ist seinen heiligen Namen; lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat; der dir alle deine Sünden vergibt und heilt all deine Gebrechen; der dein Leben vom Verderben erlös; der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit; der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler.

Autor: Na ja; das Gefühl wieder jung sein wie ein Adler, hat man in meinem Alter nicht mehr so oft; und einige Gebrechen sind schon recht hartnäckig; aber es ist nichts gegen all das Gute, das ich aus Gottes Hand schon gekriegt habe. Ich bin kein Gemeindepfarrer. Ich sorge vielmehr unter anderem für die evangelischen Morgenandachten in den verschiedenen Programmen des WDR. Auch hier auf WDR 5 können Sie sie von Montag-Samstag kurz vor sieben hören. Morgenandachten gibt es seit über 60Jahren. Da entwickeln sich oft Beziehungen zu den Hörerinnen und Hörern.

Einige schreiben, andere rufen an, wieder andere suchen und finden uns mittlerweile über das Internet. Ende letzten Jahres ist eine treue Hörerin gestorben. Seit vielen Jahren hat sie sich mit schöner Regelmäßigkeit gemeldet und um die Texte der Andachten gebeten. Sie lebte allein, keine Verwandte mehr. Als dann Bekannte die kleine Wohnung auflösten, fanden sie in Schuhkartons die Manuskripte unsere Andachten. Weil dort unsere Adresse drauf stand, wurden wir vom Tod der alten Dame unterrichtet. Wir hatten häufig miteinander telefoniert. Manchmal rief sie schon kurz nach sieben an. Seit vielen Jahren saß sie im Rollstuhl, ist kaum noch vor die Tür gekommen. Sie wollte niemandem zur Last fallen. Schmerzen waren ein Dauerzustand mal mehr, mal weniger heftig. Lesen irgendwann nur noch mit Lupe und das Hörgerät wollte auch nicht immer so wie sie es gerne hätte. Sie erzählte mir von all dem, aber nie klagend. Und manchmal sagte sie auch: sie habe einige Stunden fest geschlafen, wie wunderbar das sei und wieder sei ihr nichts passiert. Und dann in ihrer sauerländisch gefärbten Aussprache, die ich hier nicht nachmachen kann: Hat unser Herrgott mal wieder gut gemacht. Der Tach kann kommen, woll Herr Pastor.

Choral: Mich selbst zu schützen ohne Macht lag ich und schlief in Frieden.
Wer schafft die Sicherheit der Nacht und Ruhe für die Müden?

Du bist es Herr und Gott der Welt und dein ist unser Leben.
Du bist es, der es uns erhält und mir’s jetzt neu gegeben.

Autor: Es kann ja nicht schaden, wenn wir uns ab und an klar machen, wie wenig wir für ein gelingendes Leben beitragen können. Oder in der Sprache dieses frommen Liedes: es ist nicht selbstverständlich, dass wir in Friedenszeiten leben; dass es heute Nacht keinen Bombenalarm, kein Feuer, keine Wasserflut gegeben hat. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir heute Morgen wach geworden sind und leben; dass wir, was gestern war, hinter uns lassen konnten und hoffentlich mit blank geputzten Augen in einen neuen Tag schauen können.  Da steht es dann auch einem Christenmenschen gut an, wenigstens ab und an die Hände zu falten und wenigsten ein Wort zu sagen: DANKE! Und zwar noch vor der ersten Tasse Kaffe oder dem ersten Glas Tee.

Choral: Gelobet seist du, Gott der Macht, gelobt sei deine Treue, dass ich nach einer sanften Nacht mich dieses Tags erfreue.

Autor: Gut; manche werden sicher vom Leben arg gegen den Strich gebürstet und dass diesen Gebeutelten das Danken nicht als erstes einfällt, verstehe ich. Mir hilft da die Erinnerung. Danken und Erinnern, das sind für mich die beiden Seiten der gleichen Medaille. Wie eben schon der103. Psalm rät: Lobe den Herrn und vergiss nicht. Ja, vergiss nicht. Ein guter Rat; denn im Vergessen sind wir groß. Ich weiß auch nicht wieso: wenn uns etwas gekränkt und verletzt hat, oder die schmerzhaften und peinlichen Situationen  - all das behalten wir fest im Gedächtnis, auch wenn es uns um die guten Augenblicke bringt, die das Leben doch auch bereitgehalten hat. Da müssen wir ein paar seelische und wirkliche Regentage aushalten und schon schwingt der Miesmacher in uns seinen Pinsel und malt auch die guten Tage grau in grau.

Vergiss nicht! Eine wichtige Botschaft der Bibel. Sie kennt halt unseren Hang, das Gute auf dem Altar des Schlechten zu opfern. Möglicherweise liegt es ja daran: Das Gute ist nicht so spektakulär. Einfach nur viele Morgen gesund und ausgeruht aufzuwachen, ist halt nicht so dramatisch wie zwei oder drei mit Schmerzen durchwachte Nächte. Stimmt schon und deshalb immer wieder: Vergiss nicht! Erinnere dich! Das Geheimnis des Dankes ist die Erinnerung. Ich habe das Glück, meinen Arbeitsplatz mit dem Fahrrad erreichen zu können. Dreißig, vierzig Minuten bin ich unterwegs. Am Rheinufer entlang, durch Parks und unter Baumalleen. Es ist schön, wenn an hellen Frühlingsmorgen die noch junge Sonne den beginnenden Tag wärmt und ich unter blühenden Bäumen zum Dienst radeln kann; es ist schön, wenn im Sommer sattgrüne Bäume die Sonnenstrahlen nur flackernd durchlassen und der Rhein glitzert wie ein Silberband. Es ist schön, wenn im Herbst die Farben explodieren und die Sonne immer noch mein Gesicht wärmt. Da kann dann kommen, was will; diese Augeblicke ruhen im Tiefengrund meiner Seele; sie sind mein „Vergiss nicht!“ – und ich vergesse nicht und ich habe dafür ein Gedicht. Es ist künstlerisch nicht besonders wertvoll und sein Dichter Karl Georg Lappe gehört nicht gerade zur ersten Garde der deutschen Poeten, aber es fängt für mich ein das Erinnern und das Danken:

Sprecherin:
O wie schön ist deine Welt,
Vater, wenn sie golden strahlet!
Wenn dein Glanz herniederfällt
Und den Staub mit Schimmer malet,
Wenn das Rot, das in der Wolke blinkt,
In mein stilles Fenster sinkt!

Könnt ich klagen, könnt ich zagen?
Irre sein an dir und mir?
Nein, ich will im Busen tragen
Deinen Himmel schon allhier.
Und dies Herz, eh' es zusammenbricht,
Trinkt noch Glut und schlürft noch Licht.


Autor: Franz Schubert hat es vertont und mit diesem Lied verabschiede ich mich als Ihr Gerd Höft aus Düsseldorf

Lied: O wie schön ist deine Welt

 

Audiobeitrag Das Geheimnis des Dankes ist die Erinnerung


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