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Merkdaten und andere
9.9., eines der Daten im Jahr, die leicht in Erinnerung bleiben. Insofern könnte man es klug nennen, dass mein Mann und ich an einem solchen Tag geheiratet haben,
und tatsächlich niemals in all den Jahren unseren Hochzeitstag vergaßen. Auch jener Tag heute vor 60 Jahren ist ein Merkdatum geblieben. Damals haben sich 300.000 Menschen in Berlin vor dem ausgebombten Reichstag versammelt und den Hilfsappell gehört, den der damalige Oberbürgermeister Ernst Reuter an die Völker der Welt schickte. Es gibt einige solcher Daten, die uns im Gedächtnis bleiben, jedoch von den vielen Tagen davor und dahinter, spricht keiner mehr, sie alle scheinen hinabgestürzt zu sein in den großen See des Vergessens. Um dem entgegenzuwirken sammeln manche Menschen die Schätze ihres Lebens in Schuhkartons, da finden die Nachfahren beim Aufräumen dann vergilbte Fotos, ein paar unleserliche Briefe, drei Kinokarten, ein blondes Löckchen und ein Paar Söckchen, in dessen Innerem zwei Eheringe und ein paar Blütenblätter ruhen. Erinnerungen an ein langes Lebens. Das viele andere, damals vielleicht tief empfunden, ist verschwunden, vergessen, verloren.
Vor einigen Jahren haben zwei Ingenieure von Microsoft die Möglichkeit geschaffen, jedermanns Leben auf der Festplatte zu speichern. Von einer in Brille oder Kettenanhänger eingebauten Miniaturkamera begleitet, werden die Erlebnisse eines jeden Tages aufgezeichnet, gemeinsam mit Wetterdaten, Blutdruck und sonstigen Befindlichkeiten. Nichts wird ausgelassen, alles ist später nachlesbar, nachvollziehbar, und mit nichts kann ich am Ende meiner Tage einige davon schönreden oder mich selbst als besser darstellen als ich bin. Meine Nachkommen werden die Wahrheit am PC ohne weiteres nachprüfen können. Damit würde ein jeder Mensch quasi unsterblich, sagen die Leute von Microsoft, und das ist es doch, was wir alle wollen, dass möglichst nichts von uns und unserem Leben verloren gehen möge. Vielleicht geht die Forschung bald noch weiter und ist in Kürze auch in der Lage, das komplette Wissen, die Kenntnisse und Erfahrungen des Großvaters mit einem Minichip in den Kopf des Enkels zu übertragen , als ein wertvolles Erbe, das dem Kleinen viel Mühe ersparen würde und den Großvater in gewisser Weise weiterleben ließe.
Wäre eine solche Zukunft wirklich erstrebenswert? Eine Dauerbeobachtung wie bei Big Brother, eine Vererbung von Gedankengängen und daraus resultierendem Wissen? Wie angespannt würden wir leben, wie bedacht darauf, jeden Augenblick wirklich interessant zu gestalten und niemals könnten wir uns damit zufrieden geben, einfach nur in den Himmel zu sehen, die Wolken zu beobachten und unseren Tagträumen nachzuhängen, aus lauter Sorge, dies werfe später ein schlechtes Licht auf unsere Zielstrebigkeit. Wie überfüllt würde die Welt, wenn sie das gesamte Leben und Wissen jedes einzelnen aufbewahren wollte.
Noch kann ich ohne Kamera und Minichips, ganz ohne Hast durch mein Leben gehen, kann Erfahrungen sammeln und Momente genießen, die nur mir gemäß sind, und mich freuen, ein Unikat zu sein. Ich bin so wie ich bin, keiner ist mir gleich und jedes meiner Kinder, so ähnlich es mir auch in manchen Augenblicken erscheint, hat seine höchstpersönliche Natur. Gott wird wissen, wie viel aus meinem Leben aufbewahrt werden soll und so wird auch ohne die Hilfe von Microsoft jeder Tag meines Lebens, Merkdatum oder nicht, bei ihm für immer gut aufgehoben sein.
Merkdaten und andere
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