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Lebensfreude
Vor einigen Wochen war von einer bekannten Schauspielerin zu lesen, die unheilbar erkrankt war und seitdem sie darum wusste, eine, wie sie sagte,
unbändige Lebenslust verspürte, die bis dahin verschüttet gewesen wäre. Brauchen wir tatsächlich einen solchen Anstoß der Bedrohung, um uns am Leben zu freuen? Mir wurde bewusst, wie viele Tage und Wochen ich im Alltagstrott verstreichen lasse, ohne ein Fünkchen Begeisterung in mir zu spüren, weder für die Schönheit der Welt noch für das Glück in meinem eigenen Leben. Ich erschrak bei dem Gedanken, womöglich erst bei einer ernsthaften Diagnose daran erinnert zu werden, wie wunderbar dieses Leben ist und dass kein Tag und keine Stunde darin wiederholbar sind, dass ich die fehlende Freude also niemals werde nachholen können.
Heute am 10. September ist der Tag der Suizidprävention, und dass eine solche Hilfestellung nötig ist wird klar, wenn man von den vielen Menschen aller Altersgruppen hört, die ihr Leben freiwillig beenden, weil sie offenbar keinen Sinn und keine Freude mehr darin sehen, dieses Erdendasein fortzusetzen. Nicht immer ist es die bedrohliche Diagnose, die anders als bei der eingangs zitierten Schauspielerin nicht zum intensiveren Leben sondern eher zu einer Todessehnsucht führt. Oftmals aber ist es der Überdruss, oder auch die Einsamkeit, von welcher Menschen in den Tode gedrängt werden.
In der Schulklasse eines meiner Kinder gab es einen Jungen, der seinen Freitod angekündigt hatte in allen Einzelheiten und auch mit dem Hinweis auf das Erschrecken aller Angehörigen, ohne vielleicht zu berücksichtigen, dass er selbst danach wirklich tot wäre. Niemand hatte ihn ernst genommen, bis er wirklich zur Tat schritt. Warum? Das war die Frage, die sich alle anderen danach stellten. Wissen die jungen Männer, die sich einen Sprengstoffgürtel um den Körper hängen, und ihn zünden, wissen sie denn, um wie viel Lebensfreude sie sich selbst und viele andere bringen?
Die Freude am Leben ist eine gottgewollte Tugend. Nicht umsonst hat er uns mit dem Licht der Sonne, dem Streicheln des Windes, dem Meeresbrausen, dem Vogelzwitschern und dem Blumenmeer im Frühling beschenkt. Wie sollten wir uns nicht daran freuen können. Ich lebe und ihr sollt auch Leben, das ist die Losung für dieses Jahr 2008, das mittlerweile schon eine beachtliche Strecke zurückgelegt hat und zügig weiterschreitet, unberührt davon, ob wir uns freuen oder nicht. Es liegt an mir und an meinem Blick auf die Welt. Wenn ich die Augen bedecke und meine Seele verschließe, wenn sich die Sorgen und Ängste in meine Gedanken schleichen und alsbald den Kopf übervölkern, dann wird die Freude gefesselt und in Ketten gelegt und der Blick so getrübt, dass wirklich kein Fünkchen Sonne mehr hineinscheint ins Leben. Dann brauche ich Hilfe und Beistand um wieder hinauszufinden.
In vielen Fällen aber bedarf es nur eines kleinen Impulses. Vergiss die Freude nicht, ist der Titel eines Buches, das mir eine Freundin schenkte, als meine Eltern so plötzlich gestorben waren und mich die Traurigkeit zu umschließen schien. Es war wie das Licht am Ende des Tunnels, das mich wieder hinaus leitete. Vergiss die Freude nicht, ja ich will die Freude in mir wach halten, damit meine Seele nicht vertrocknet und zu keinem Glück mehr fähig ist, damit mein Herz nicht eines Tages aus lauter Glücksvergessenheit, den Tod herbeisehnt. Vergiss die Freude nicht, daran will ich mich erinnern, heute und morgen und alle Tage meines restlichen Lebens. Vielleicht kann ich damit ein zusätzliches Licht sein und hineinleuchten in die Tunnel des Lebens der anderen.
Lebensfreude
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