Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.09.08, Magdalene Imig

Inferno

Von meinem Schreibtisch aus kann ich in meinen friedlichen Garten sehen und hinter den großen Bäumen bis auf den hinter der Wiese liegenden Schulhof.

Um halb zehn läutet es zur Pause und danach werden die Kinder aus dem Gebäude der Grundschule hinausrennen, sozusagen aus der Enge der Klassenräume in die Freiheit entfliehen, und sich mit Kreischen und Jauchzen bemerkbar machen. Einige von ihnen sind vor sieben Jahren noch nicht auf dieser Welt gewesen, die anderen zu klein um zu erinnern, was geschah, damals, am 11. September 2001.

In Amerika werden vier Passagierflugzeuge entführt und für Terroranschläge eingesetzt. Zwei Maschinen vernichten das World Trade Center, ein Flugzeug rast in das US-Verteidigungsministerium, eine vierte Maschine stürzt in der Nähe von Pittsburgh ab. Ihr Ziel soll das Weiße Haus in Washington gewesen sein. Die Welt hielt den Atem an. Niemand hatte glauben können, dass jemals ein solches Ereignis eintreten würde. Zwar gab es in Filmen genügend Szenen, die uns das Blut in den Adern gefrieren ließen, jedoch nur aufgrund phantastischer Autorenideen und deren Umsetzung und Vermarktung durch Regisseure und Kameraleute. Nun aber war die Realität eingetreten, kein Filmemacher, der  die Geschichte letztendlich doch noch zum Guten wendete. Dieses Inferno war Wirklichkeit und nicht zu stoppen. Es betraf Menschen, die wie ich an jenem  Morgen aufgestanden waren, die  Hoffnung im Herzen und den Plan für den Tag im Kopf, aber zur Nacht gab es nur Abschied und Tränen. Ein Tag der unsere Geschichte und unsere Herzen zerrissen hat, sagte New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg ein Jahr später.

Als unser Herr Jesus am Kreuz gestorben war und am Ostermorgen auferstand, da war die Hoffnung geboren, dass seine gewaltlose Liebe zum Vorbild werden würde für die Menschen, die sich entschlossen ihm nachzufolgen. Warum haben wir, die wir uns Christen nennen, nicht geschafft, den Frieden in die Welt zu bringen. Sind wir zu sehr mit unserem eigenen Leben beschäftigt, sehen wir nicht mehr die Sorgen der anderen, haben wir vor lauter Großartigkeit die Demut verloren und die Dankbarkeit? Und vor allem, leben wir unser Christsein so, dass es für andere aussehen könnte, als wären wir zu bekehrende Heiden? 

Der Terroranschlag in New York ist sieben Jahre her. Die Erde hat ihre Laufbahn nicht unterbrochen  und auch ich schreibe wieder meine täglichen to-do-Listen, topfe schon ein Jahr vorher die Urlaube ein und finde, dass  mein Leben hervorragend organisiert ist.  Nachdem in  Spitzbergen  eine Saatgutbank eröffnet wurde, die ähnlich wie die Arche Noah gerüstet sein soll auf den Katastrophenfall, wenn alle Pflanzen vernichtet wären, um dann auf jungfräulichem Grund wieder neu beginnen zu können, kann ich doch weiter davon ausgehen, alles wird letztendlich gut. 

Vor sieben Jahren haben viele Menschen gebetet. Wenn es Wahrheit wird, das, was meine Seele schon so lange weiß, nämlich, dass mein Leben nicht planbar ist, dass ich weder Tag noch Stunde weiß, wann ich meinem Tod in die Arme laufe, dann wird Gott zum einzig Greifbaren. So werden  auch die Menschen damals in ihrer Angst und Not zu Gott gerufen haben, weil sie sich im Krachen und Bersten, im Anblick der Flammen, die nach ihnen züngelten, besonnen haben auf den, der dem Tod standhält.

Wenn die große Pause drüben auf dem Schulhof zu Ende ist, laufen die Kinder wieder hinein in ihre Klassen und lernen zu schreiben und zu lesen und vielleicht auch, dass es nicht ausreicht, klug zu werden in diesem Leben,  und reich, dass es um mehr geht und  vor allem darum, das Herz zu öffnen für die Zuversicht, dass  Gott  im Glück und im Leid unser Vater ist und bleibt.

Audiobeitrag Inferno


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