Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.09.08, Pfarrer Erhard Ufermann

NOCH

Stimme 1: Was möchtest Du noch machen? Stimme 2: Also, mein Kalender ist heute voll. Da geht nichts mehr. Wieso? Denkst Du an was Bestimmtes?

Stimme 1: Ich habe Dich gefragt, was Du noch machen möchtest.

Stimme 2: Ach, eigentlich ist die ganze Woche voll. Ich bin froh, wenn ich am Wochenende mal zwei Stunden mit dem Mann ins Studio kann.

Stimme 1: Mich interessiert das wirklich: Was möchtest Du im Leben noch machen?

Stimme 2: Du fragst mich allen Ernstes montags morgens auf dem Weg zur Arbeit, was ich im Leben noch machen will? Und ich erzähl Dir gerade, dass ich froh bin, wenn ich über die Woche komme.

Stimme 1: Also ich habe letztens im WDR mal ein Interview mit dem Schweizer Schriftsteller und Kabarettisten Franz Hohler gehört, was mich seitdem beschäftigt. Sinngemäß sagte er: „Im Laufe des Lebens gewinnt ein Wort immer mehr an Bedeutung. Das Wort: NOCH. Was möchtest Du NOCH machen? Der Vorrat an Zukunft schmilzt“ (WDR5-Interview am 28.11.07).

Stimme 2: Sag mal, ist das nicht ein bischen zu früh bei Dir mit der Midlife-crisis? Oder hat Dich am Wochenende Deine Frau verlassen?

Stimme 1: Also der Vorrat an Zukunft schmilzt. Das ist so, wie mit dem Eis, das man nicht schnell genug in der Sonne aufschlecken kann, und das einem langsam über die Hand läuft.

Stimme 2: Aja, du meinst das also ganz ernst. Jetzt sage ich Dir mal was: Meine Kinder wollen studieren und erwarten, dass ich sie unterstütze. Und mein Mann möchte, dass ich bei der Finanzierung des Hauses helfe, so dass es ihn nicht belastet, wenn ich mal „ins Gras vor ihm beiße“. Mein Chef will, dass ich in seinem Sinne funktioniere. Also hör mir mal auf mit Deinem Eis. Ich kann mir mehrere Eiskugeln gar nicht nicht erlauben. Die laufen mir nicht nur aus der Hand, die schmelzen mir überall.

Stimme 1: Alles hat seine Zeit, steht in der Bibel. Und unsere ist begrenzt. Ich will nur klarkriegen, was ich noch will. Vielleicht will ich ja das, was andere von mir erwarten. Vielleicht aber auch nicht.

Stimme 2: Zumindest haben wir heute und in dieser Woche erst einmal so zu funktionieren, wie es von uns erwartet wird.

Stimme 1: Also, wenn alles seine Zeit hat, dann sind auch die Erwartungen an uns relativ. Wenn der Chef Dich ausmustert, erwartet er von Dir nichts mehr. Nichts. Wenn Deine Kinder zu Ende studiert haben, wenn das Haus abbezahlt ist, was bleibt dann? Ein geringer gewordener Vorrat an Zukunft.

Stimme 2: Ahh. Tolle Themen am Montagmorgen!

Stimme 1: Ich hör das so oft im Bekanntenkreis, wenn ich mal die Rente durch habe, dann…. Aber wie viele haben gar nichts mehr von ihrer Rente. Sei´s, weil sie die nicht mehr erreichen, oder weil sie nach der Arbeit schnell abbauen. Dann erledigt sich die Frage nach dem NOCH von selbst.

Stimme 2:
Äh, in der Bibel geht doch dieser Satz noch weiter: Geboren werden hat seine Zeit. Und Sterben hat seine Zeit.

Stimme 1: OK. Ein Grund mehr, zu Beginn einer Woche darüber nachzudenken, was ich NOCH will: In dieser Woche und überhaupt.

Stimme 2: Da sind wir. Noch sind wir. Na, dann mal eine gute Restwoche!

Stimme 1: Mach´s gut!


 

Audiobeitrag NOCH


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