Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.09.08, Pfarrer Erhard Ufermann

Sieger oder Looser

Eigentlich ist doch alles ganz klar: Wer´s nicht bringt, ist out!. Jedenfalls dürfen wir uns heute keine Misserfolge, keine sozialen Sentimentalitäten mehr erlauben.

Wir können nicht mehr alle Verlierer, Außenseiter, Kranke und Alte mit durchziehen. Der Sozialstaat ist am Ende. Jeder helfe sich, wie er kann. „Eigenverantwortung“ nennt man das neuerdings. Fragen Sie mal in den Schulen, was denn „Solidargemeinschaft“ oder „Generationenverträge“ sind. Wir müssen uns auf das Wesentliche konzentrieren – auf uns selbst. Von der Politik und der Wirtschaft können wir´s lernen: Um selbst groß raus zu kommen, muß ich bereit sein, Opfer zu bringen - und - zu hinterlassen. Wenn jemand Schwäche zeigt und fällt, darf nachgetreten werden.

Eigentlich ist doch alles klar! Es ist doch ganz klar, wer stark ist oder schwach, in oder out, Sieger oder Looser. In China wurde es uns allen noch mal demonstriert – von den Sponsoren, den Medien, den politischen Systemen, ja nicht zuletzt auch von den Sportlerinnen und Sportlern.  

Gerade in solchen Momenten klingelt der Briefträger. Er murmelt etwas von Irrläufer und reicht entschuldigend einen etwas vergilbten Brief rüber. Absender: Paulus. Das Datum ist nicht mehr so genau lesbar: 56 oder 58 nach Christi. Abgestempelt irgendwo in Mazedonien.

„Ihr, Freunde, betont Eure Stärken. Ich rede über meine Schwächen. Ihr betont, was Ihr alles geschafft habt. Ich schreibe über die Dinge, die ich im Leben geschenkt bekam. Ihr rühmt Euch Eurer Leistungen. Ich erinnere mich der Zeiten, in denen ich am Ende war. Denn als ich ganz unten war, habe ich die wertvollsten Erfahrungen meines Lebens gemacht. Dort bin ich Gott begegnet. Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (nach 2. Kor. 12).

Ein bisschen verrückt klingen die Sätze. Weltfremd. Das hat mit uns heute in der „Postmoderne“, im Zeitalter des Neoliberalismus nichts mehr zu tun. Oder?

Doch. Gerade mit uns heute hat das zu tun. Mit all denen, die sich nicht eigenverantwortlich auf die Treppenstufen der Medaillenränge oder auf die unterschiedlichsten Karriereleitern in unserer Gesellschaft hoch ziehen konnten. Für die Menschen kommt der Brief gerade recht: Für die hunderttausenden von Müttern, die allein erziehend auf Hartz IV Niveau versuchen, ihren Kindern ein gutes Leben und eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Um sich dann in der öffentlichen Diskussion als „Schmarotzer“ bezeichnen zu lassen.

Paulus schrieb für die, die in der Zeit ihrer Arbeitslosigkeit und existentiellen Verunsicherung als „faul“ deklariert werden. Er schrieb für die Kranken und Altgewordenen, die als Belastung der Sozial- und Rentensysteme gelten. Er schrieb seinen Brief für die Menschen, die ganz unten angekommen sind. Nicht als Besserwisser schrieb er, sondern aufgrund eigener Erfahrung: Dass der Gott Jesu nicht oben ist. Er ist kein Siegergott. Er ist nicht bei den Starken und Gesunden zu finden oder bei denen, die das Sagen haben. Auch wenn diese ihn gern für sich beanspruchen. Der Gott Jesu ist bei denen, die nicht mehr weiter wissen; die nachts leise weinen; die vom Alltag aufgezehrt werden oder resignieren. Gott ist da, wo niemand mehr ist.  

Vielleicht ist das doch gar nicht so klar: Wo oben ist und unten, wer stark ist oder schwach. Zumindest lohnt es sich, die Dinge mal spielerisch auf den Kopf zu stellen. Ein neues, kreatives „Gesellschaftsspiel“: Im Sport, in der Schule, im Berufsleben, in der Politik. Alles mal auf den Kopf stellen.

 

Audiobeitrag Sieger oder Looser


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