Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.09.08, Pfarrer Martin Vogt

"11. September"

Manchmal genügt ein Datum - und jeder weiß, was gemeint ist. Wenn jemand vom 11. September spricht, fragt keiner, welches Jahr gemeint ist.

Jedem ist klar, es geht um die Terroranschläge, die heute vor 7 Jahren in den USA verübt wurden. Durch diese Anschläge am 11. September 2001 ist vieles ausgelöst worden. Vor allem Angst. Auf einmal war die Rede von einer aktuellen Terrorgefahr. Überall. Und mit dieser Gefahr ließ sich wunderbar Politik machen.

Jetzt war es möglich, einen so genannten „Feldzug gegen den Terror“ zu führen. Beispielsweise im Irak, wo angeblich Massenvernichtungswaffen gelagert waren. Die existierten zwar gar nicht. Aber dafür gibt es jetzt in diesem Land so viele Terroranschläge, dass wir sie in den Nachrichten kaum noch beachten. Durch die allgemeine Angst vor Terroristen wurde es auch möglich, das Gefangenenlager von Guantanamo Bay zu errichten. Immer noch werden dort Menschen ohne Haftbefehl oder gerichtliches Urteil festgehalten. Dadurch wird zwar nicht der Terrorismus wirksam bekämpft. Aber es wird deutlich, zu welcher Menschenverachtung westliche Demokratien fähig sind.

So weit ist es in Deutschland nicht gekommen. Trotzdem ist auch bei uns die Angst zu einem Mittel geworden, um politische Ziele durchzusetzen. Für Einschränkungen demokratischer Grundrechte genügt es inzwischen, auf eine echte oder gefühlte Terrorgefahr hinzuweisen. Demgegenüber verlieren beispielsweise der Datenschutz, das Fernmeldegeheimnis oder die Achtung der Privatsphäre immer mehr an Bedeutung.

Insofern ist seit dem 11. September 2001 etwas aus dem Gleichgewicht gekommen. Ich glaube, das liegt daran, dass wir uns zu sehr von unserer Angst haben leiten lassen. Auf einmal fühlten sich viele Menschen ihres Lebens nicht mehr sicher. Dementsprechend wollten sie beschützt werden.

Dieser Wunsch nach Sicherheit ist zwar verständlich. Aber nur bedingt erfüllbar. Wir können uns nicht vor allen Gefahren schützen. Wir können gar nicht alles abschätzen, geschweige denn verhindern, was uns durch andere Menschen, durch die Umwelt oder durch unvorhergesehene Ereignisse drohen kann. Damit müssen wir klarkommen, wenn wir leben wollen. Genau das versucht die Botschaft der Bibel zu vermitteln. In der Bibel wird das Leben nicht schön geredet; es wird nicht so getan, als wären gläubige Menschen nie traurig oder einsam. Sie bleiben auch nicht von allem Unglück verschont.

Aber die Bibel macht Mut, das Leben so anzunehmen, wie es ist - mit allen Unwägbarkeiten und auch mit allen Bedrohungen. Diesen Mut vermittelt sie, weil sie von Gottes Gegenwart ausgeht. Gott ist da - auch wenn’s für uns eng wird oder wenn uns jemand Angst einjagen will. Selbst, wenn wir in dem Moment nichts davon merken. Gott verhindert zwar solche Situationen, in denen wir Angst haben oder uns bedroht fühlen, nicht. Er löst sie auch nicht einfach in Wohlgefallen auf. Aber er hilft uns, damit klar zu kommen.

Möglicherweise, indem er uns Kraft gibt, eine Situation auszuhalten, die eigentlich über unsere Kräfte geht. Oder indem er unseren Mut stärkt, so daß wir uns nicht von der Angst unterkriegen lassen. Oder auf ganz andere Weise. Mir hilft diese Botschaft mehr als jedes Anti-Terror-Gesetz und mehr als jede von Menschen versprochene Sicherheit. Insofern ist die Bibel ein gutes Gegengewicht zu Panikmache und zu übertriebener Angst. Nicht weil sie die Angst wegdiskutiert oder klein redet. Sondern weil sie hilft, die Angst auszuhalten und sie zu überwinden. Ganz ohne Gewalt und ohne irgendwelche Rechte einzuschränken.

Audiobeitrag "11. September"


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