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Verantwortung (Die Mutter)
Du musst es noch mal versuchen, sagte seine Frau. Sie kann nicht allein in der Wohnung bleiben! Das sieht sie aber nicht ein, erwiderte er.
Und ich kann sie nicht zwingen! Sie ist ja nicht unzurechnungsfähig oder so. Aber sie kommt allein nicht mehr zurecht! entgegnete seine Frau. Und wir haben doch genug Platz. Sie könnte sogar ihr eigenes Zimmer haben. Du hast doch gehört, wie sie reagiert hat, erwiderte er mürrisch. Und eigentlich will ich ja selbst nicht, dass sie zu uns kommt. Das weißt du. Du hast aber Verantwortung für sie, sagte seine Frau. Du bist schließlich ihr Sohn. Noch dazu der Einzige.
Da war es wieder, das alte Argument, das ihm schon in früheren Diskussionen dieser Art gegen den Strich gegangen war. Du musst dich um deine Mutter kümmern, weil sie sich um dich gekümmert hat, als du noch ein Kind warst. Irgendwann kehrt sich die Verantwortung eben um. So einfach war das für seine Frau.
Kein Wunder, sie hatte ja auch ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Das hatte er nie gehabt. Von seinem Vater, der vor einigen Jahren gestorben war, hatte er sich nie verstanden gefühlt. Und auch mit seiner Mutter war es immer schwierig gewesen. Jetzt machten sie zwar ihre Pflichtbesuche. Aber mehr auch nicht. Er konnte sich nicht vorstellen, dass das gut gehen würde: Er und seine Mutter - unter einem Dach! Er hatte förmlich ihre Stimme im Ohr, wie sie ihn wieder kritisierte, weil er entweder zu streng oder zu großzügig mit den Kindern war. Oder wenn sie über die Nachbarn schimpfte und immer wieder die alten Streitereien aufkochte. Allein die Vorstellung ging ihm schon an die Nieren.
Deswegen stellte er jetzt endlich die Frage, die ihm schon bei den letzten Gesprächen gekommen war. Er hatte sich nur nicht getraut, sie auszusprechen. Aber jetzt kamen die Worte wie von selbst, als er sagte: Du sprichst immer von der Verantwortung gegenüber meiner Mutter! Aber was ist mit der Verantwortung gegenüber dir und unseren Kindern? Und hab ich nicht auch Verantwortung gegenüber mir selbst? Muss ich nicht auch in der ganzen Geschichte vorkommen mit meinen Bedürfnissen?
Er hat ein schlechtes Gewissen, als er diese Frage stellt. Es kommt ihm vor, als dürfte man diese Frage nicht stellen. Als müsste man die eigenen Bedürfnisse, das eigene Leben zurück¬stellen hinter dem, was die anderen brauchen. So wie er das früher im Religionsunterricht gelernt hatte, als es um Nächstenliebe ging und um die großen Vorbilder wie Mutter Theresa und so. Andererseits heißt es doch in der Bibel: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Da kamen schließlich die eigenen Bedürfnisse auch vor und nicht nur die von anderen Menschen. Aber das heißt dann doch: Es sollte ein Gleichgewicht bestehen zwischen dem, was ich brauche, und dem, was ich anderen geben kann.
Das Gespräch mit seiner Frau dauerte noch lange. Es ging auch ziemlich hin und her. Aber schließlich einigten sie sich, einen Pflegedienst zu organisieren. Auch dafür benötigten sie bei seiner Mutter einige Überredungskünste. Doch als sie schließlich einwilligte, hatte er den Eindruck, das Richtige getan zu haben. Weil nun ein Gleichgewicht herrschte zwischen der Verantwortung gegenüber seiner Mutter. Und der Verantwortung gegenüber sich selbst.
Verantwortung (Die Mutter)
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